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NBA - Der tiefe Fall der Chicago Bulls nach dem Abgang von Michael Jordan: "Sie haben ihre Rache bekommen"

Nach dem Ende der Michael-Jordan-Ära durchliefen die Bulls einen langwierigen Rebuild.

Mit dem Rücktritt von Michael Jordan vor der Saison 1998/99 fand die Dynastie der Chicago Bulls nach sechs Titeln in den 90er-Jahren ein jähes Ende. Der Rebuild gestaltete sich als schwierig, die erste Saison ohne MJ war geprägt von Rachefeldzügen der Konkurrenz und Negativ-Rekorden.

5. Februar 1999, Salt Lake City: Das Abendprogramm des Delta Centers kündigt das erste Spiel der neuen Saison an, nachdem zuvor der etwa sieben Monate andauernde Lockout einen regulären Start der Spielzeit zunichte gemacht hatte. Nun stehen sich an diesem kühlen Freitagabend die Utah Jazz und Chicago Bulls gegenüber. Das Finals-Rematch zum Saisonauftakt - unter ganz neuen Vorzeichen.

"Wir standen aufgereiht in einer Linie und es lief die Nationalhymne. Ich habe auf die andere Seite des Courts geschaut und da standen Karl Malone, Jeff Hornacek, John Stockton ... fast das gleiche Team, dass in den Finals gegen die Bulls gespielt hatte", erinnert sich der damalige Bulls-Rookie Kornel David bei HoopsHype an die Minuten vor dem Tip-Off. "Ich habe sie angeschaut und zu mir gesagt: 'Oh mein Gott, ich muss gegen diese Jungs spielen, die ich gerade erst in den Finals gesehen habe?'"

Es ist ein Gedanke, den man so in den Köpfen der Bulls-Spieler in den Jahren vor 1999 wohl nicht gefunden hätte. Respekt vor der Mannschaft um das legendäre Duo Stockton und Malone? Sicherlich. Angst? Fehlanzeige.

Die Bulls waren schließlich das dominante Team der 90er-Jahre. Sechs Titel innerhalb von acht Jahren gehen auf das Konto der Franchise aus der Windy City. Der letzte Streich liegt nur wenige Monate zurück, als Michael Jordan mit seinem "Last Shot" über Bryon Russell den zweiten Finals-Erfolg gegen die Jazz und damit den zweiten Threepeat der Bulls-Dynastie perfekt machte.

Doch als sich David an jenem Februarabend 1999 zu seiner rechten und seiner linken umschaut, ist von diesem Team, das über Jahre die Gegner in Angst und Schrecken versetzt hatte, nicht mehr viel übrig. Nun sind es die Bulls selbst, die mit eingeschüchtertem Blick die Stars auf der Gegenseite mustern.

Bulls ohne Michael Jordan: Zeit für einen Rebuild

Es ist nicht allein der Rücktritt von Jordan, der diesem Team in sportlicher Sicht zu schaffen macht. Hatten die Bulls bei dessen ersten "Karriereende" etwa fünfeinhalb Jahre zuvor noch MJs kongenialen Sidekick Scottie Pippen und Meistercoach Phil Jackson in ihren Reihen, sieht das Team nun komplett anders aus.

Pippen? Im Januar 1999 getradet zu den Houston Rockets. Jackson? Irgendwo auf seiner Farm in Montana, weit weg von dem Bulls-Trubel, dem er entfliehen wollte. Dennis Rodman? Kurz vor einem Engagement bei den Lakers. Und selbst die Rollenspieler wie Steve Kerr, Scott Burrell oder Luc Longley sind allesamt weg.

Zwar betont Jordan in der ESPN/Netflix-Dokuserie "The Last Dance", dass er gerne ein weiteres Jahr um die Meisterschaft gekämpft hätte, doch das Front Office schlug bekanntermaßen einen anderen Weg ein. Ohnehin wäre Titel Nummer sieben ein schwieriges Unterfangen gewesen und General Manager Jerry Krause wollte das Team eigentlich schon viel früher auflösen. Nach dem Titel 1998 bekommt er endlich seinen Willen: Es ist Zeit für einen Rebuild.

Umbruch im Bulls-Kader: "Das Team war schlecht"

Die Zäsur ist enorm, Teambesitzer Jerry Reinsdorf nickt die Pläne seines GMs auch aufgrund der drohenden Kosten, sollte das Team mit den alternden Stars zusammengehalten werden, ab. "Die Gehaltsliste der Bulls in 1997/98 betrug ungefähr 61,3 Millionen Dollar. Hätten sie das Team zurückgeholt, wären es wohl mindestens 80 Millionen gewesen", erklärt John Jackson, Bulls-Reporter der Chicago Sun-Times von 1994 bis 1999.

Stattdessen zahlt Reinsdorf für sein neues Team zusammengerechnet nur knapp unter 30 Millionen Dollar Gehälter, während die Einnahmen weiter sprießen. Aus dem Kader des Championship-Teams des Vorjahrs überstehen nur sechs Spieler den Rotstift von GM Krause. Toni Kukoc soll das Team künftig gemeinsam mit dem alternden Ron Harper anführen.

Ansonsten bleiben noch Randy Brown, Rusty LaRue, Dickey Simpkins und Bill Wennington dem Team erhalten. Als einziger namhafter Free Agent stößt Brent Barry dazu, bereits im Sommer 1999 wird er jedoch per Trade nach Seattle weiterverschifft. Mehrere Rookies vervollständigen den Kader.

"Das Team war nicht besonders gut. Eigentlich war es sogar schlecht", fasst David die Situation rückblickend zusammen.

Die Topscorer der Chicago Bulls in der Saison 1998/99

NamePunkteFG%
Toni Kukoc18,842,0
Ron Harper11,237,7
Brent Barry11,139,6
Dickey Simpkins9,146,3

Tim Floyd: Jackson-Nachfolger weil Krause-Liebling?

Entsprechend schlecht stehen die Vorzeichen für einen erfolgreichen Einstand für Tim Floyd bei den Bulls. Der ehemalige Coach der Iowa State University beerbt 1998 Jackson an der Seitenlinie, wohl unter anderem auch dank seiner guten Beziehung zu Krause, mit dem er gerne angeln geht.

Doch der Nachfolger von einem der besten Coaches aller Zeiten ist auf NBA-Niveau komplett unerfahren. Aufgrund des Lockouts hat Floyd zudem nur ein extrem verkürztes Training Camp zur Verfügung, auch während der Back-to-Back-lastigen Saison bieten ihm sich kaum Möglichkeiten für den dringend benötigten Feinschliff an seinem jungen Team.

Stattdessen hinterlässt er bei seinen Spielern einen teilweise verlorenen Eindruck, wie sich David erinnert. Immerhin findet er sich im Nachtleben von Chicago gut zurecht. Laut Kent McDill, ehemaliger Bulls-Beatwriter vom Daily Herald, wurde Floyd einmal nach Unstimmigkeiten mit den Referees des Feldes verwiesen. Noch bevor die Partie der Bulls beendet war, sei er schon in seiner Lieblings-Bar gesichtet worden.

Bulls-Gegner sinnen auf Rache für die MJ-Ära

Wenig überraschend spiegelt sich der Umbruch innerhalb der Franchise auch in den Auftritten auf dem Parkett wieder. Das Finals-Rematch mit den Jazz zum Saisonauftakt geht verloren, wenn auch immerhin nur knapp. Anschließend holt Chicago angeführt von 22 Kukoc-Punkten einen Sieg gegen die Clippers, doch dann geht es steil bergab.

Es folgen sieben Pleiten in Serien, die Bulls schaffen es die komplette Saison über nicht, mehr als zwei Spiele am Stück zu gewinnen. Was die Situation nicht einfacher macht: Die hochmotivierten Gegner nutzen die neue Schwäche der einst dominanten Franchise, um sich für die Jahre der Prügel von MJ und Pippen zu rächen.

"Wir waren Kinder, ein paar 20-jährige Typen, aber sie haben ihre Rache bekommen für das, was die Champions ihnen über die vergangenen acht Jahre angetan hatten", sagt der damalige Rookie Corey Benjamin bei HoopsHype, der als 28. Pick im Draft 1998 nach Chicago kam. "Sie haben ihren Zorn an uns ausgelassen."

Chicago Bulls 1998/99: Saison der Negativ-Rekorde

Einen der Tiefpunkte der Bulls-Saison markiert der 10. April 1999, als Kukoc, Barry und Co. im heimischen United Center in 48 Minuten ganze 49 Zähler gegen die Miami Heat aufs Scoreboard bringen. Seit Einführung der Shotclock 1954 hat kein Team in der Historie der NBA in einem Spiel weniger Punkte erzielt.

Es ist bei weitem nicht der einzige Tiefschlag für das junge Team. Gleich 18 Partien in der auf 50 Spiele verkürzten Saison gehen mit mindestens 16 Zählern Unterschied verloren, darunter eine 47- und eine 44-Punkte-Klatsche.

Die Bulls beenden die Spielzeit mit nur 13 Siegen bei 37 Niederlagen, ein krasser Absturz nach der 62-Siege-Saison im Vorjahr. Noch ein trauriger Rekord: Damit sind die Bulls gemeinsam mit den Celtics von 1969/70 der einzige NBA-Champion, der es im Jahr seiner Titelverteidigung nicht in die Playoffs schafft.

Die Bulls nach Jordan: "Ein Beweis, dass der Lauf beendet war"

Entsprechend dauert es nicht lange, bis die Aura der Bulls-Dynastie verfliegt. "In der ersten Saisonhälfte war das noch großartig. Wir wurden von Polizeieskorten begleitet und die Security hat uns überall hingeführt. Als 20-jähriges Kind war das unglaublich", sagt Benjamin, der lachend hinzufügt: "Aber das hat aufgehört, als wir nicht mehr gewonnen haben."

Was dagegen bleibt, ist die Unterstützung der Fans: Auch in der Katastrophen-Saison 1998/99 ist das United Center an vielen Abenden ausverkauft, doch die Anhänger müssen sich auf einige Leidensjahre einstellen. Zwar versucht Krause mit dem vorhandenen Cap Space Jahr für Jahr hochkarätige Free Agents anzulocken, bleibt aber erfolglos. Nach der Lockout-Saison folgen Spielzeiten mit 17, dann 15 und schließlich 21 Siegen - in jeweils 82 Spielen wohlgemerkt.

Bis zur nächsten Playoff-Teilnahme muss sich Chicago bis 2005 gedulden. Als die Franchise drei Jahre später im Draft mit Derrick Rose das große Los zieht, deutet sich eine neue Ära an. Der Point Guard holt sich 2011 den MVP-Award und führt sein Team sogar in die Ost-Finals, bevor Verletzungen ihm und den Bulls einen Strich durch die Rechnung machen. Derzeit läuft der nächste Rebuild-Versuch.

Schlimmer als der von vor gut 20 Jahren kann es jedoch kaum werden. Die erste Spielzeit nach der MJ-Dynastie wird in Chicago wohl für immer in schmerzhafter Erinnerung bleiben, auch bei den Spielern selbst. "Man sagt, dass alles Gute irgendwann ein Ende hat. Diese Saison war nur ein weiterer Beweis, dass unser Lauf beendet war", meint Simpkins im März 2020 rückblickend in der Sports Illustrated. "Es war eine Erleichterung, als die Saison vorbei war."

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