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"Dallas' Fehler liegt im System"

Welche Auswirkungen hat der Sommer auf Schröder, Durant, Westbrook und Nowitzki?
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Die Bulls gehören zu den Verlierern des Sommers

Martin Klotz: Chicago hat einen richtigen und mutigen Schritt gewagt: Sie haben sich vom kränkelnden und inkonstanten Franchise- und Local Hero Derrick Rose getrennt. Damit sind sie schon mal keine Verlierer. Und sie haben Dwyane Wade geholt, das klingt doch eher nach Gewinner! Die Verpflichtung von Rondo darf kritisch gesehen werden, aber die Bulls können es sich bei ihrem Namen nicht leisten, aufgrund einer Neuausrichtung mit den Nets und Sixers um den drittletzten Platz im Osten zu spielen. Und dass Wade Miami wirklich den Rücken kehrt, konnte niemand ahnen. Es war ein Glücksfall, bei dem Gar Forman zugreifen musste. Die Entscheidung pro Rondo war in der vorherigen Situation (noch ohne Wade) richtig. Auch wenn das Spacing diese Saison kein Knaller wird und man nicht um den Titel mitspielen wird. Das tat man aber seit vier Jahren ohnehin nicht mehr. Dass Gasol für einen Umbruch nicht bleibt, war klar. Hätte sich Wade ein paar Tage eher gemeldet, wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen. Aber das ist alles Spekulation. Nun hat Bobby Portis endlich die Chance, zu beweisen, dass er Qualität hat und Mirotic, dass er ein effektiver Sixth Man sein kann. Und das absolute K.o.-Argument gegen diese These: Chicago hat Paul Zipser geholt. Von Verlierer kann also keine Rede sein.

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Matthias Bielek: So ist es! Wer Paule hat, ist sicher kein Verlierer. Grundsätzlich ist an der These aber natürlich trotzdem etwas dran. Die Bulls haben jetzt große Namen im Kader, aber abgesehen von Butler sind die Namen eben auch größer als das, was ihre Träger auf dem Court noch leisten können. Wade ist einer der besten Shooting Guards aller Zeiten, aber natürlich nicht mehr der Alte. Seine Playoffs waren noch einmal richtig gut, aber wie viele Saisons auf hohem Niveau hat er noch? Zumal er zuvor in keiner Saison seit 2010/11 die 70 Spiele geknackt hat. Rondo ist ein ganz spezieller Fall, mit ihm ging es in den letzten Jahren ständig bergab. Ich glaube nicht, dass die Bulls mit dieser Truppe viel reißen werden, und kann mir vorstellen, dass es intern auch mal kriseln wird. Das ist aus deutscher Sicht aber vielleicht auch gar nicht so schlimm: Vielleicht ergeben sich dadurch mehr Chancen für Zipser! Bei einer Mannschaft, die voll im Saft steht und klare Playoff-Ambitionen hat, hätte es ein deutscher Rookie sicher deutlich schwerer, auch mal Minuten zu sehen. Von dem Chaos, das ich bei den Bulls kommen sehe, könnte Paule tatsächlich ein Stück weit profitieren.

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Ole Frerks: Ich weiß gar nicht, ob es dafür zwingend Chaos braucht. Die Bulls halten ja scheinbar sehr große Stücke auf ihn und er bringt schon jetzt eine Qualität mit, die den meisten anderen Flügelspielern in Chicago abgeht: Er kann tatsächlich werfen! Die Tatsache, dass Rondo von der neuen "Big Three" der Spieler mit der besten Karriere-Dreierquote ist, sagt eigentlich alles über den Fit aus. Aber setzen wir die DBB-Brille mal kurz ab: Für mich gehören die Bulls auf jeden Fall zu den Verlierern der Offseason. Den Rose-Trade hielt ich für richtig und wichtig, seitdem haben Gar Forman und John Paxson allerdings einen Zickzack-Kurs hingelegt, der mich einfach nur verwirrt hat. Alles roch schon verdächtig nach Rebuild, es gab Gespräche über einen Butler-Trade, und dann haut man stattdessen die Kohle für Wade raus. Finanziell ist das sicher eine gute Sache gewesen, Wade wird ja massig Trikots an den Mann bringen und für Einschaltquoten sorgen, aber sportlich passt der Kader für mich hinten und vorne nicht zusammen. Butler ist dabei für mich eigentlich die ärmste Sau in der ganzen Geschichte. Es würde mich nicht wundern, wenn spätestens zur Trade Deadline erneut Gerüchte um seine Person aufkommen.

Thorben Rybarczik: Um zu den Verlierern zu gehören, muss man seine Situation klar verschlechtert haben. Das haben die Bulls nicht getan und gehören daher auch nicht dazu - aber sie haben eben auch nichts gewonnen. Der Schritt, sich von Rose zu trennen, war logisch. Auch die umstrittene Verpflichtung von Rondo kann ich gut nachvollziehen - schließlich brauchten die Bulls einen neuen Starting Point Guard und Rondo war einer der wenigen großen Namen auf dem Markt. Allerdings: Bei aller Liebe für Wade - die Entscheidung, das Heat-Urgestein für zwei Jahre und fast 50 Millionen Dollar nach Chicago zu holen, erschließt sich auch mir nicht. Wie du schon sagst, Ole: Die Trennung von Rose wäre eine Chance auf einen moderaten Rebuild gewesen, ohne komplett am Tabellenende zu versumpfen. Diese Chance ist mit Wade nicht da. Stattdessen hat man mit Rondo/Wade/Butler ein Trio, das irgendwie nicht so recht zum Offensiv-Konzept von Fred Hoiberg passen will. Zipser könnte da tatsächlich der Nutznießer sein - was aber nichts daran ändert, dass die Bulls keine große Rolle im Osten spielen werden.