Fussball

Hatem Ben Arfa: Top-Talent, Provokateur, "Neymar der Amateure"

Von Stanislav Schupp
Hatem Ben Arfa war einst ein verheißungsvolles Talent bei Olympique Lyon.

Sein Ex-Coach hielt ihn für begabter als Karim Benzema, doch Hatem Ben Arfa stand sich zu oft selbst im Weg. Über den Fall eines Top-Talents.

Jubelnd stürzen sich die Mannschaftskollegen auf ihn, jeder will den Pokal berühren, den Steven Thicot in die Höhe streckt. Dank eines 2:1-Erfolges gegen den Vorjahresfinalisten Spanien krönt sich Frankreichs U17 2004 zum Europameister im eigenen Land. Einer, der neben der Trophäe zusätzlich eine individuelle Auszeichnung als bester Torschütze entgegennehmen darf, ist Hatem Ben Arfa.

Der junge Offensivspieler ist neben Cesc Fabregas, der als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wird, einer der ganz großen Stars dieser Europameisterschaft und eine zentrale Säule im französischen Team, zu dem auch Karim Benzema, Samir Nasri und Jeremy Menez zählen.

Die Tür zu einer Weltkarriere, sie steht weit offen für Hatem Ben Arfa an diesem lauen Sommerabend im französischen Finalort Chateauroux.

Hatem Ben Arfa: Das vielversprechende Talent

Doch der Reihe nach. Ben Arfa stammt aus der berühmten französischen Nachwuchsakademie INF Clairefontaine, die Top-Stars wie Stürmer-Ikone Thierry Henry oder Kylian Mbappe hervorgebracht hat. 2002 zog es den 15-jährigen Ben Arfa in die Jugendabteilung von Olympique Lyon, die um die Jahrtausendwende das Nonplusultra im französischen Fußball war. Für OL gab der Franzose mit tunesischen Wurzeln 2004 bereits im Alter von 17 Jahren sein Profidebüt.

Ben Arfa galt als vielversprechendes Talent, als potenzieller Schlüsselspieler der neuen Generation. Neben dem EM-Titel mit der U17 gewann er viermal in Folge mit Lyon den Ligatitel. Ben Arfa schien den ihm vorgezeichneten Weg zu nehmen.

Im Sommer 2008 kam es jedoch erstmals zu Komplikationen. Nach einer öffentlichen Schlammschlacht mit Lyon wechselte Ben Arfa zum Ligarivalen Olympique Marseille. Dabei ließ er verlauten, Lyon habe keine Klasse und sei auch kein großer Klub, nachdem seiner Ansicht nach einige Spieler nicht korrekt bezahlt worden waren. Was damals kaum jemand ahnte: Es sollte nur der Beginn der Provokationen und Verfehlungen Ben Arfas sein, die sich fortan wie ein roter Faden durch seine Karriere zogen.

Weigerung, Schlägerei, Streik: Ben Arfas wilde Zeit in Marseille

In Marseille erweiterte der talentierte Spielmacher zunächst seine Trophäensammlung, holte im zweiten Jahr das Double aus Meisterschaft und Ligapokal. Sein damaliger Trainer Eric Gerets bezeichnete ihn als "eines der größten Talente des französischen Fußballs". Mit seinem Verhalten sorgte Ben Arfa jedoch weiter für Probleme. So kam er 2009 offenbar mit vier Kilo Übergewicht aus dem Sommerurlaub zurück. Es folgten eine Trainingsschlägerei mit Angreifer Djibril Cisse sowie die Weigerung, sich im Spiel gegen PSG einwechseln zu lassen.

2010 wollte Ben Arfa schließlich einen Transfer zu Newcastle United erzwingen, indem er sich weigerte, weiterhin am Spielbetrieb teilzunehmen. "Ich werde nicht zur La Commanderie [Trainingsgelände von Olympique Marseille, Anm. d. Red.] zurückkehren. Es ist vorbei", betonte Ben Arfa seinerzeit in einem Interview mit der französischen Sportzeitung L'Equipe und kündigte an, notfalls in einen Streik zu treten.

Ein Gebaren, das aus Ben Arfas Sicht belohnt werden sollte. Im Sommer 2010 wechselte er zunächst auf Leihbasis zu den Magpies und ließ dort unter Cheftrainer Alan Pardew endlich wieder seine fußballerischen Fähigkeiten aufblitzen. Nach einer starken Vorstellung gegen den FC Liverpool verglich ihn der Coach sogar mit Lionel Messi - und die Nebengeräusche rund um seinen Wechsel schienen vergessen.

Im vierten Spiel für den englischen Erstligisten erlitt der feine Techniker allerdings einen schweren Schien- und Wadenbeinbruch und fiel für knapp ein Jahr aus, Newcastle schenkte ihm dennoch das Vertrauen und verpflichtete ihn 2011 fest. In jener Zeit soll Ben Arfa gemeinsam mit einigen anderen Frankreich-Stars in einer Pariser Disco Kontakt zu einer minderjährigen Prostituierten gehabt haben. Ben Arfa wies dabei jegliche Schuld von sich.

Der "reifere" Ben Arfa?

Ben Arfa sollte es allerdings erneut schaffen, seine Kritiker durch seine Leistungen verstummen zu lassen. Nach fast einjähriger Zwangspause kam der Offensivmann stärker zurück denn je. Sein starkes Comeback krönte er durch ein Tor nach Traum-Solo der Marke Maradona im FA-Cup gegen die Blackburn Rovers im Januar 2012.

Nachdem er es zuvor nicht in den französischen Kader für die Europameisterschaft 2008 und für die Weltmeisterschaft 2010 geschafft hatte, berief ihn der damalige Nationalcoach Raymond Domenech ins Aufgebot für die EM 2012. "Es besteht kein Zweifel an seinem Talent", betonte der damalige Trainer der Equipe Tricolore: "Er hat sich verbessert und scheint erwachsen geworden zu sein." Gerard Houllier, sein einstiger Trainer bei Lyon, sah in Newcastle ebenfalls einen gereiften Ben Arfa. "Er war mehrmals kurz davor zu scheitern. In Newcastle hat er dann richtig gute Leistungen gezeigt und ein Scheitern abgewendet", erklärt der mittlerweile 72-Jährige im Gespräch mit SPOX und Goal..

Anfang 2012 versicherte Ben Arfa in einem Interview mit der L'Equipe höchstpersönlich, bei den Magpies aus seinen Fehlern gelernt zu haben. "Ich habe furchtbare Dinge während meiner Karriere getan, die weder normal noch moralisch korrekt waren", gestand er: "Jeder Trainer hatte Angst vor mir."

Die Einsicht und der Reifeprozess sollten nur von kurzer Dauer sein. Bereits im dritten Gruppenspiel der EM 2012 gegen Schweden sorgte Ben Arfa erneut für einen Aufreger. Nachdem er nach 59 Minuten ausgewechselt worden war, bot er Domenech angeblich seine Heimreise an. Im Anschluss erklärte er öffentlich, dass andere Mitspieler deutlich schlechter gewesen seien als er.

Ben Arfa: Dramatische Wendung in Newcastle

Auch bei Newcastle nahm die anfangs erfolgreiche Zusammenarbeit mit Pardew eine dramatische Wendung. Der Trainer war mit den Auftritten des Franzosen nicht mehr einverstanden. "Wir haben ihm einen Fitnessplan gegeben, weil er in den letzten Spielen nicht gut gespielt hat. Er hat ein geringes Selbstvertrauen und auch sein Fitness-Level ist - warum auch immer - ziemlich schlecht", erklärte Pardew im März 2014. Vor allem Ben Arfas Defensivverhalten ließ zu wünschen übrig und verärgerte sogar die eigenen Teamkollegen.

Pardew sah sich schließlich gezwungen, den anfangs stark spielenden Ben Arfa in die zweite Mannschaft zu versetzen. Ben Arfa hatte "die Hölle gesehen", wie er im Nachhinein erklärte, fühlte sich von Pardew ausgegrenzt. Die einst harmonische Beziehung endete im Sommer 2014 mit einer einjährigen Leihe zu Hull City, die allerdings nur sechs Monate halten sollte.

Im November wurde Ben Arfa im Spiel gegen Manchester United, seinem letzten für den Klub aus Yorkshire, bereits nach 35 Minuten aufgrund von mangelnder Laufleistung ausgewechselt. "Sogar unser Torwart ist damals mehr gelaufen als er", ließ Trainer Steve Bruce nach Ben Arfas Abschied verlauten. Als ihn der Coach zur Rede stellte, soll der Franzose laut Mirror damit argumentiert haben, dass er Spielmacher sei. Daraufhin teilte der Klub Ben Arfa mit, er könne den Verein verlassen - und plötzlich war Frankreichs einstiges Top-Talent im Sommer 2015 vertragslos.

Nachdem er in der Saison bereits für Newcastle und Hull aufgelaufen war, untersagte die FIFA einen Wechsel nach Nizza. Der ehemalige Nationalspieler hatte es geschafft, bei all seinen Klubs Negativschlagzeilen zu schreiben. Für Houllier ist Ben Arfa dennoch kein Enfant terrible. "Er ist kein Spieler, der schwer zu handhaben ist", betont er: "Man muss seine Persönlichkeit und seinen Charakter verstehen, um mit ihm umgehen zu können."

Ben Arfas Parade-Saison bei Nizza

Im Juli 2015 durfte Ben Arfa dann nach sechs Monaten Vereinslosigkeit zur OGC Nizza wechseln - und der talentierte Dribbler präsentierte sich wiedererstarkt im Geschäft. 18 Tore und sieben Assists in 37 Pflichtspielen ließen erneut hoffen, dass sich der Junge, der einst in Lyon die große Bühne betrat, endgültig von seinen früheren Eskapaden distanziert hatte. Seine starken Leistungen blieben selbst Top-Klubs nicht verborgen. So soll Ben Arfa unter anderem das Interesse des FC Barcelona geweckt haben, wie Nizzas Präsident Jean-Pierre Rivere damals bestätigte. Zu einem Wechsel kam es jedoch nicht. Der Offensivmann entschied sich für Paris Saint-Germain, jenen Verein, den er schon als Kind bewundert hatte.

Die erste Saison lief für den offensiven Mittelfeldspieler mit 23 Ligaeinsätzen solide, im zweiten Jahr bestritt er jedoch kein einziges Pflichtspiel für die Hauptstädter. Das Viertelfinale im Coupe de France gegen den Drittligisten US Avranches, in dem Ben Arfa zwei Tore erzielte und eine Vorlage beisteuerte, war seine letzte Partie im Trikot der Franzosen. Paris schob ihn anschließend in die damals viertklassige Zweitvertretung ab und nannte dafür sportliche Gründe. Ben Arfa und sein Anwalt Jean-Jacques Bertrand witterten eine Verschwörung. Laut Bertrand wurde der Offensivspieler "in respektloser Art und Weise ausgeschlossen" und sei, gemessen an seinem Gehalt und seinen Fähigkeiten, nun "der Neymar der Amateure". Ben Arfa verklagte PSG auf Schadensersatz sowie auf eine symbolische Entschädigung in Höhe von einem Euro wegen Mobbings. Die Klage wurde jedoch abgewiesen.

Ben Arfas Absturz bei PSG

Tatsächlich sollen wieder einmal Differenzen abseits des Platzes den Ausschlag für das Zerwürfnis gegeben haben. Laut France Football stellte Ben Arfa PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi bloß, indem er dem Emir von Katar sagte, er sei leichter zu erreichen als der 46-jährige Vorstandsvorsitzende. Zudem wurden Ben Arfa Probleme in der Beziehung zu Trainer Unai Emery nachgesagt. Den Spanier soll er bei dessen Versuchen, Französisch zu sprechen, aufgezogen haben. Und somit befand sich Ben Arfa wieder einmal in einer Sackgasse.

Der Klub legte Ben Arfa in der Folge einen Abschied nahe. Dieser entschloss sich aber, seinen bis 2018 gültigen Vertrag auszusitzen. Sein einjähriges Jubiläum ohne Pflichtspieleinsatz feierte Ben Arfa dabei mit einem Stück Kuchen und einer Kerze auf eine für ihn typische und abermals provokante Art und Weise.

2019 folgte ein einjähriges Engagement bei Stade Rennes, ehe er nach erneuter halbjähriger Vereinslosigkeit zu Beginn dieses Jahrs nach Spanien zum Tabellenfünfzehnten Real Valladolid wechselte. Dort könnte Ben Arfa bei erfolgreichem Klassenerhalt in der kommenden Spielzeit auf Real Madrid und seinen ehemaligen Weggefährten Karim Benzema treffen, inzwischen in der elften Saison bei den Königlichen und vierfacher Champions-League-Sieger.

"Benzema war nicht so talentiert wie Ben Arfa", sagt Houllier: "Aber er hat hart gearbeitet. Harte Arbeit schlägt Talent, weil Talent allein nicht ausreicht." Ben Arfa habe zwar "besondere Fähigkeiten", sei aber "möglicherweise nicht konstant genug" gewesen.

Drastischer formulierte es einst angeblich ein ehemaliger Nationalmannschaftskollege unter dem Deckmantel der Anonymität im Gespräch mit dem französischen Fußballmagazin So Foot: "Hatem war der beste Spieler, den ich je gesehen habe. Aber er war gleichzeitig auch der dämlichste. Mit einem Talent wie seinem muss man wirklich unglaublich dämlich sein, um nicht der beste Spieler der Welt zu werden."

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