Fussball

Renato Sanches bei OSC Lille: Schiffbruch - und das ewige Warten auf seine Zeit

Renato Sanches vor seinem ersten Ligapsiel für OSC Lille gegen Stade Reims Anfang September.

Im Sommer wechselte Renato Sanches aus Sehnsucht nach Spielpraxis vom FC Bayern München zu OSC Lille. Nachhaltig etabliert hat er sich bei seinem neuen Verein noch nicht. Lilles Verantwortungsträger geben sich betont geduldig - und machen doch Druck auf den 22-jährigen Mittelfeldspieler.

Vor dreieinviertel Jahren war schon mal die Zeit von Renato Sanches, damals gewann er mit Portugal die Europameisterschaft und wurde zum besten jungen Spieler des Turniers gewählt. Daraufhin wechselte er für 35 Millionen Euro zum FC Bayern - und ist seitdem immer der Spieler, dessen Zeit sicherlich schon wieder kommen wird. Irgendwann und irgendwo.

So war es bei seinem ersten Versuch beim FC Bayern, so war es bei der einjährigen Leihe bei Swansea City, so war es bei seinem zweiten Versuch beim FC Bayern und so ist es jetzt bei OSC Lille. Seine Zeit wird kommen! "Ich bin sicher, Renato wird uns viel bringen. Wir geben ihm Zeit zu wachsen", sagte Lilles Sportdirektor Luis Campos gegenüber RMC. Das heißt auch: Seine Zeit ist noch nicht gekommen.

Als Sanches von seinem Jugendklub Benfica zum FC Bayern wechselte, vereinbarten die beiden Vereine eine Nachzahlung, sollte er zum Weltfußballer gewählt werden. Bei der Weltfußballer-Wahl "The Best" wurde Sanches wie schon in den vergangenen Jahren aber auch diesmal nicht berücksichtigt, dafür jedoch bei der Marca-Abstimmung "The Worst". Rund 150.000 Leser der spanischen Zeitung wählten Sanches zum zweitschlechtesten Mittelfeldspieler der vergangenen Saison (hinter Philippe Coutinho).

Renato Sanches in Lille: Schiffbruch und Nachsicht

Kurz vor dieser Abstimmung war er für 20 Millionen Euro vom FC Bayern zu Lille gewechselt, als teuerster Spieler der Vereinsgeschichte. Sportdirektor Campos betonte: "Wir haben ihn nicht verpflichtet, um ihn zum besten Spieler der französischen Liga zu machen." Diesbezüglichen Verdacht schöpfte Sanches bisher ohnehin noch nicht. Sein Saisonstart misslang: Dreimal wurde Sanches eingewechselt, dreimal stand er in der Startelf. Zweimal als Sechser im 4-2-3-1, einmal rechts im 4-4-2. Überzeugt hat er nirgends, Tore oder Vorlagen gelangen ihm noch keine.

Einen besonders schlechten Tag erwischte er bei der 0:3-Niederlage bei Ajax Amsterdam in der Champions League. Sanches fiel mit übertriebener Härte auf, sah früh die Gelbe Karte, kam vor einem Gegentor zu spät und wurde dann ausgewechselt. "Renato Sanches erleidet Schiffbruch", urteilte die L'Equipe.

"Ich fand die Kritik übertrieben. Man muss nachsichtig sein mit Renato", sagte daraufhin Trainer Christophe Galtier. "Er braucht seinen Rhythmus und es fehlt noch an der Abstimmung mit seinen Teamkollegen." Die machen es aktuell übrigens gut. Der Saisonstart verlief solide, Lille ist Fünfter. Am Samstag geht es gegen den FC Toulouse (20 Uhr live auf DAZN).

Lille gibt sich betont geduldig - und macht doch Druck

Sanches kam zuletzt zweimal gar nicht zum Einsatz (einmal verletzungsbedingt). Als Grund für den enttäuschenden Start führen Lilles Verantwortungsträger gerne seine fehlende Spielpraxis in den vergangenen Jahren an. Die Sehnsucht nach mehr trieb Sanches, der sich seinen Verein einst aussuchen konnte, erst zum vermeintlich kleinen OSC Lille. "Ich habe mich für Lille entschieden, weil ich zu einem Klub wollte, bei dem ich nützlich bin", sagte Sanches bei seiner Vorstellung Ende August. Beim FC Bayern fühlte er sich nicht mehr nützlich, er wurde "nie als Option gesehen", klagte er neulich.

Das kostete Sanches auch seinen Platz in der portugiesischen Nationalmannschaft, der ihm so viel bedeutet. Seit dem siegreichen EM-Finale 2016 gegen Frankreich stand er nur zweimal in der Startelf. Bei den Länderspielen im September wurde er erstmals in diesem Jahr immerhin wieder nominiert, bei den vergangenen beiden fehlte er wegen Achillessehnenproblemen.

In Lille wollen sie unterdessen geduldig sein mit Sanches, nur nichts überstürzen. "Der FC Bayern ist nicht der Klub für junge Spieler, die kein Deutsch sprechen. Bei uns hat er dagegen keinen Druck", sagte Präsident Gerard Lopez neulich bei Canal Football Club. Aber er sagt auch und das ist ein bisschen ein Widerspruch: "Wenn ich höre, dass Renato Sanches ein schlechtes Match gemacht hat, dann muss ich lachen, weil es dieselben Leute sind, die in einem Jahr sagen werden, dass Renato Sanches großartig ist."

Großartig in einem Jahr? Kommt die Zeit von Sanches also dann? Da ist er doch wieder, der Druck.

Renato Sanches Leitungsdaten bei OSC Lille

GegnerWettbewerbEinsatzminuten
AS Saint-EtienneLigue 1-
Stade ReimsLigue 190
SCO AngersLigue 119
Ajax AmsterdamChampions League65
Stade RennesLigue 127
Racing StraßburgLigue 190
OGC NizzaLigue 121
FC ChelseaChampions League-
Olympique NimesLigue 1-
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung