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Fussball

Marcel Heister von Ferencvaros Budapest im Interview: "Ich bin doch nur der Marci von der Schwäbischen Alb"

Marcel Heister spielt mit Ferencvaros Budapest in der Champions League gegen Stars wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo.

Marcel Heister ist in Süddeutschland geboren und spielt aktuell mit Ferencvaros Budapest in der Champions League gegen Stars wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Doch in der Bundesrepublik ist sein Name kaum bekannt - weil der 28-Jährige von Hoffenheim aus einen Umweg über Kroatien und Israel gehen musste, um nach oben zu kommen.

Im Interview mit SPOX und Goal vor dem Champions-League-Spiel bei Juventus Turin (21 Uhr live auf DAZN) spricht Heister über seine einstige Ausbootung bei der zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim und den anschließenden Beginn seines Weges außerhalb von Deutschland.

Der Linksverteidiger erklärt, weshalb es ihn zunächst nach Kroatien zog und wie er später den Konflikt zwischen Juden und Muslimen in Jerusalem wahrnahm. Zudem schwärmt Heister von Ex-Trainer Thomas Doll und verrät, wie sein Aufeinandertreffen mit Messi und CR7 war.

Herr Heister, heute spielen Sie als Linksverteidiger mit Ferencvaros Budapest in der Champions League gegen Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, vor acht Jahren sind Sie bei der zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim aussortiert worden. Wie erinnern Sie sich an die damalige Zeit, in der Sie noch als Offensivspieler unterwegs waren?

Marcel Heister: Ich bin mit 17 als Flügelstürmer nach Hoffenheim gekommen. Mit Markus Gisdol und Ernst Tanner haben dann aber die Leute den Verein verlassen, die mich geholt hatten. Gisdol ging zu Schalke und wurde durch Frank Kramer ersetzt. Was dann folgte, war ein sehr großer Schock für mich.

Was ist genau passiert?

Heister: Ich habe zunächst ein paar Spiele unter ihm gemacht, wurde aber immer nur eingewechselt. Selbst als mal ein paar Spieler verletzt waren, brachte er lieber einen Rechtsverteidiger als linken Flügelstürmer. In meinen wenigen Spielminuten gelangen mir aber meist ganz gute Aktionen, vor allem Torvorlagen. Ich konnte es daher nicht verstehen, warum er mich nicht einmal von Beginn ran ließ. Als ich ihn nach rund einem Monat damit konfrontierte, sagte er, dass ich zwar immer einen Impuls bringen, er mir aber nicht vertrauen würde.

Warum nicht?

Heister: Er glaubte nicht, dass ich das, was ich zeige, auch von Beginn an über 90 Minuten zeigen könne. Deshalb hat er dann die Karten offen auf den Tisch gelegt. Er sagte, dass ich nicht Teil seiner Planungen wäre und von nun an nicht mehr mit der Mannschaft trainieren dürfe, weil ich davon nichts hätte.

Und dann?

Heister: Anschließend musste ich ganz allein auf einem Platz für mich trainieren und konnte dabei zuschauen, wie nebenan die gesamte Mannschaft trainierte. Es gab auch andere, die er aussortiert hat, doch die durften noch beim Team sein. Ich war sehr desillusioniert, ich habe das einfach überhaupt nicht verstanden. Ich bin dann fast zwei Monate allein durch den Wald gejoggt. Bis ich gesagt habe: Mir reicht's, das macht mir keinen Spaß mehr.

Ihnen lagen Anfragen aus der 3. Liga vor, doch da Sie kroatische Wurzeln haben, landeten Sie mit Hilfe Ihres aus Kroatien stammenden Vaters und Ihres Onkels im Sommer 2012 bei NK Zadar in Norddalmatien. Wie kam das zustande?

Heister: Die Sache in Hoffenheim hat mich so genervt und ich habe mich so ungerecht behandelt gefühlt. Ich hatte die Schnauze voll und wollte einfach nur noch weg aus Deutschland. Warum nicht einen anderen Weg gehen, dachte ich mir. Ich habe in Kroatien Familie und viele Freunde. Mein Vater und mein Onkel hatten gute Beziehungen und kannten den Klubbesitzer von Zadar. Sie haben ihn gefragt, ob ich mal vorbeikommen könne. Ich kickte dann bei einem Freundschaftsspiel mit, schoss direkt ein Tor und unterschrieb am nächsten Tag einen Vertrag.

Marcel Heister - vom Stürmer zum Linksverteidiger

Hatten Sie damals im Kopf, schnellstmöglich wieder nach Deutschland zurückzukehren?

Heister: Nein, das war nie mein Plan. Ich habe nie neidisch nach Deutschland geblickt. Ich ging davon aus, dass nichts Schlechtes daran sein kann, wenn ich in Kroatien Erstligafußball spiele. Ich war auch überzeugt, dass es für mich nur nach oben gehen kann, wenn ich diszipliniert bin und Leistung zeige.

Es lässt sich vorweg nehmen: Das hat letztlich funktioniert.

Heister: Absolut. Der anschließende Wechsel zu NK Istra 1961 war dann mein erster größerer Transfer, bei dem ich auch für mich gutes Geld verdient habe. Später bei Beitar Jerusalem spielte ich schon in der Europa-League-Qualifikation. Nun bei Ferencvaros haben wir erst die EL-Gruppenphase erreicht und kicken nun in der Champions League. Bei jedem meiner Wechsel ging es ein Stück voran - genauso habe ich mir das immer vorgestellt. Ich wusste, dass ich meine Ziele erreichen kann, auch wenn ich nicht den handelsüblichen Weg gehe. Und dabei habe ich so viele Menschen, so viele unterschiedliche Sprachen und Kulturen kennengelernt, extrem viele tolle Erfahrungen gemacht. Für mich gibt es nichts Schöneres. Das sind Erfahrungen fürs Leben, die mir wichtig sind und mir keiner mehr nehmen kann.

In Zadar machten Sie kein einziges Spiel als Stürmer, sondern wurden zum Linksverteidiger umfunktioniert. Wie kam's?

Heister: Dazu fällt mir immer folgende Geschichte ein: Vor meiner Zeit in Hoffenheim spielte ich beim SSV Reutlingen. Mein ehemaliger Trainer Marco Campanale sagte damals zu meinen Eltern und mir: Glaubt mir, Marcel wird eines Tages Linksverteidiger. Wir haben uns kaputt gelacht. Ich war ein echter Vollblutstürmer. Wenn mich einer als Linksverteidiger aufstellt, höre ich mit dem Fußball auf - das habe ich ihm geantwortet.

Das haben Sie sich in Kroatien dann nicht getraut.

Heister: Auf einmal hieß es dort tatsächlich, man wolle mich als Linksverteidiger ausprobieren. Nach den ersten Spielen dachte ich, ich verfalle in Depressionen. Ich hatte keinen einzigen Torschuss und nur Flanken geschlagen. Und mittlerweile kann ich mir keine andere Position mehr vorstellen. (lacht) Das war das Beste, was mir passieren konnte.

Heister: "Bei Israel dachte ich: Krieg, um Gottes Willen!"

Nach zwei Jahren in Zadar, in denen man gegen den Abstieg spielte, ging es 2014 dann zu NK Istra nach Pula.

Heister: Dort war Igor Pamic, der in den 1990er Jahren bei Hansa Rostock gespielt hat, mein Trainer. Ihm habe ich sehr viel zu verdanken, weil er extrem an mich geglaubt hat. 'Glaub mir, ich mache aus dir einen richtigen Profi', hat er gesagt. Er hat sehr viel von mir gefordert. Manchmal hat er mich richtig heruntergemacht und ich habe die Welt nicht mehr verstanden, was das sollte. Heute weiß ich, warum er das tat: Er wollte von mir einfach mehr sehen als von anderen und mich kitzeln. Ihm war es auch scheißegal, wie dein Lebensstil aussieht, solange du im Training und im Spiel 100 Prozent gibst.

Apropos: Zadar und Pula liegen jeweils am Meer und sind beliebte Ferienregionen. Da ließ es sich gut aushalten, oder?

Heister: Ja. Schön am Meer leben, ein bisschen in der ersten Liga spielen und ein Jahr lang chillen - überspitzt gesagt habe ich mit diesen Gedanken in Zadar unterschrieben. Ich war zuvor jedes Jahr in Kroatien und wollte einfach abschalten, keinen Stress haben. Trotzdem habe ich immer professionell gelebt und meine Ziele nie aus den Augen verloren. In Kroatien ist aber einfach alles viel lockerer und entspannter. In Deutschland herrscht ein großer Leistungsdruck, es wird sehr viel von einem gefordert.

Nach 78 Pflichtspielen für Istra verließen Sie Kroatien im Jahr 2016 Richtung Israel. Dabei hatten Sie gar nicht auf einen Wechsel gedrängt. Wie sind Sie schließlich bei Beitar Jerusalem gelandet?

Heister: Ich bekam aus dem Nichts einen Anruf des Präsidenten, der mich ins Stadion zitierte. Er legte er mir einen unterschriftsreifen Vertrag hin und meinte, das sei ein sehr gutes Angebot für den Verein und auch für mich. In Kroatien lebt man eben vor allem von Spielerverkäufen. Ich habe mir das angesehen, konnte aber nichts damit anfangen. Bei Israel dachte ich nur: Krieg, um Gottes Willen! Du kannst das Angebot sofort wieder zurückschicken, sagte ich dem Präsidenten.

Der wollte das für den Klub lukrative Geschäft aber nicht so einfach platzen lassen.

Heister: Ich sollte noch einmal genauer darüber nachdenken. Als ich dann im Internet recherchierte, bekam ich einen ganz anderen Eindruck von diesem Land. Ich rief einen Kollegen an, der bei Maccabi Netanya gespielt hat und fragte ihn, wie das Leben in Israel so ist. Er meinte nur: 'Machen! Geh sofort dorthin. Das Leben ist schön, das Land fantastisch, die Leute enorm freundlich.' Ich war verblüfft, denn irgendwie konnte ich mir das nicht vorstellen. Ich bin schließlich trotzdem losgeflogen, um es mir einfach mal anzuschauen.

Marcel Heister: Seine Karriere im Überblick

ZeitraumVereinPflichtspieleToreVorlagen
2010-2012TSG 1899 Hoffenheim II26--
2012-2014NK Zadar322-
2014-2016NK Istra 19617844
2016-2018Beitar Jerusalem6442
seit 2018Ferencvaros Budapest7929
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