Fussball

"Angsteinflößend", schnöder Didaktiker und "mein wichtigster Trainer": Wie Louis van Gaal bei seinen Spielern polarisierte

Von Oliver Maywurm

Louis van Gaal vereinte krasse Gegensätze und polarisierte - sowohl menschlich als auch fußballerisch. Eine Sammlung von Eindrücken.

Eines der spektakulärsten Tore der Champions-League-Geschichte hätte es wohl nie gegeben, hätte Louis van Gaal nicht 2009 beim FC Bayern angeheuert. Denn zumindest indirekt war der Niederländer maßgeblich für diesen Treffer verantwortlich.

"Wenn Louis van Gaal und Mark van Bommel nicht hier gewesen wären, weiß ich nicht, ob ich hierhergekommen wäre. Es war wichtig, dass sie hier waren. Hört sich vielleicht auch so an, als wäre Bayern für mich sonst nicht in Frage gekommen, aber so ist das manchmal im Fußball", sagte Arjen Robben 2018 dem Bayern-Blog MIASANROT. Kurz nach seinem Landsmann war er von Real Madrid nach München gekommen - und an jenem 7. April 2010, vor fast exakt zehn Jahren, traf Robben im Viertelfinalrückspiel der Champions League bei Manchester United nach Ecke von Franck Ribery per überragendem Volleyschuss von der Strafraumgrenze.

Irgendwie passt es herrlich ins Bild der Gegensätze, die van Gaal als Trainer stets ausmachten, dass es zwar das Tor zur 2:3-Niederlage aus Bayern-Sicht war, man ob der Auswärtstorregel aber dennoch ins Halbfinale einzog und jubeln durfte. Oder dass es eine geniale Kombination zwischen Ribery und Robben war: Dem Franzosen, mit dem van Gaal nie wirklich klar kam, und dem Niederländer, der unter anderem wegen van Gaal überhaupt erst zum FCB gewechselt war.

Mata über van Gaal: "Das erwartet man nicht"

Van Gaal hatte aus den Bayern, die in den acht Jahren zuvor immer spätestens im Viertelfinale der Königsklasse gescheitert waren und 2007/08 sogar nur im UEFA Cup spielten, wieder eine internationale Top-Mannschaft gemacht, die 2010 dann sogar bis ins Finale kam. Er, der mal ausgelassen auf dem Rathaus-Balkon den Marienplatz zum Toben brachte und sich als "Feierbiest" inszenierte, der gleichzeitig aber selbst seine Töchter dazu anhielt, ihn zu siezen.

Van Gaal, der seine Trainerkarriere 2019 endgültig beendet hatte, pendelt zwischen den Extremen. Manchester Uniteds Mittelfeldspieler Juan Mata sagte kürzlich etwa im klubeigenen United-Podcast über den heute 68-Jährigen: "Er war angsteinflößend", um im nächsten Atemzug zu betonen: "Ein netter Mann, sehr authentisch und sensibel. Das erwartet man nicht. Er wird auch emotional und hat manchmal geweint, wenn er über wichtige Dinge gesprochen hat."

Barca-Legende Xavi, dem van Gaal in seiner ersten Amtszeit bei den Katalanen zwischen 1997 und 2000 zum Debüt verhalf, brachte die Gegensätze im Naturell des stolzen Louis bei ESPN FC so zum Ausdruck: "Nachdem ich zwei Tage lang unter ihm trainiert hatte, habe ich mir gedacht: 'Wer ist denn dieser Idiot?'" Der Welt- und Europameister fügte aber an: "Schon nach einer Woche dachte ich: 'Er ist in Ordnung. Er ist eine gute Person, ein sehr guter Trainer'."

Ibra über van Gaal: "Dieser Mann ist ein Diktator"

Disziplin stand für van Gaal immer über allem. Und: Kein einzelner, wirklich niemand, egal, wie er hieß, war wichtiger als die Mannschaft. Individuell herausragende Spieler wie Ribery, die Spiele gerne alleine entscheiden, Spieler, die natürlich auch immer gewinnen wollen, dabei aber eben unbedingt auch selbst glänzen möchten, kamen mit dieser Vorgabe häufig überhaupt nicht klar.

So sagte Ribery 2015 im Interview mit SPOX und Goal: "Auf dem Platz machte er wirklich gute Sachen. Nur der Trainer Louis van Gaal war ein schlechter Mensch. Unsere Beziehung war total zerrüttet. Beim Amtsantritt wusste niemand, was passieren würde. Er meinte, Namen seien scheißegal, Stars nicht notwendig und alle müssten sich neu beweisen." Vertrauen habe er von van Gaal zu selten gespürt, monierte der Franzose. Zlatan Ibrahimovic spielte derweil zwar nie direkt unter van Gaal, attackierte diesen aber mal eindeutig: "Dieser Mann ist ein Diktator, der nicht den geringsten Sinn für Humor hat", fauchte der Schwede.

Wenn man van Gaal besser kenne, so erklärt es Juan Mata, sei jener aber keineswegs nur ein Diktator, sondern auch und vor allem ein "warmer und authentischer" Typ. Man müsse sich nur an seine ungewöhnlichen Verhaltensweisen gewöhnen, sagt der Spanier und packt eine Anekdote über das erste persönliche Gespräch mit van Gaal aus: "Als ich ankam, saß er da mit Ryan Giggs (Co-Trainer; Anm.d.Red.) und einer Flasche Rioja und drei Weingläsern. Er fragte: 'Willst du einen Drink?' Ich sagte: 'Nein, alles gut.' Also hatte nur er einen Drink und forderte mich auf: 'Erzähl mir, wer du bist.'" Mata antwortete: "Mein Name ist Juan, ich bin 26 und spiele Fußball. 'Nein, Nein. Sag mir, wer du als Mann bist. Hast du eine Familie? Was ist für dich im Leben wichtig?'"

Rivaldo: "Mit van Gaal war das nicht möglich"

Rivaldo dürfte van Gaal anders wahrgenommen haben als Mata. Den Brasilianer, 1999 Weltfußballer des Jahres, versetzte der spätere Bayern-Coach bei Barca von dessen Lieblingsposition auf der Zehn auf den linken Flügel. Rivaldo sah das nicht ein, weigerte sich irgendwann, links zu spielen - und es kam zum Streit, der in der zeitweisen Ausbootung Rivaldos mündete. Sie rauften sich zwar wieder zusammen, als van Gaal dann 2002 zu seiner zweiten Amtszeit erneut im Camp Nou aufschlug, ergriff Rivaldo aber die Flucht: "Ich wollte nicht unter ihm spielen, und wir haben eine Übereinkunft gefunden, meinen Vertrag aufzulösen, damit ich zu Milan wechseln konnte", sagte er bei SPOX und Goal. "Ich hatte eigentlich vor, beim FC Barcelona zu bleiben, aber mit van Gaal war das nicht möglich."

Doch es gab eben auch die Spieler, die van Gaal sehr wohl überzeugte und erreichte. Robben zum Beispiel. Oder Thomas Müller, dem der Holländer bei den Bayern zum Durchbruch verhalf. "Es ist kein Geheimnis, dass Louis van Gaal und ich eine etwas speziellere Trainer-Spieler-Beziehung hatten", sagte Müller 2014 der Sport Bild. Vor kurzem erst verriet der 30-Jährige, dass er im selben Jahr, kurz nach dem WM-Titel, beinahe zu van Gaal nach Manchester gewechselt wäre. Lediglich am Veto der Bayern scheiterte ein Transfer.

Neben Müller haben bekanntlich noch etliche andere spätere Superstars unter van Gaal ihre ersten Schritte gemacht. Bei United ließ er zum Beispiel Marcus Rashford debütieren. Barca-Legende Xavi feierte seine Premiere bei den Blaugrana unter van Gaal, in dessen zweiter Periode in Barcelona verhalf er einem gewissen Andres Iniesta zu ersten Schritten bei den Profis. "Mein wichtigster Trainer", sagte Iniesta 2018 der Mundo Deportivo über van Gaal.

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