Fussball

Als der 1. FC Saarbrücken die interessanteste Mannschaft Europas war: Aufstand des Protektorats

Glorreiche Zeiten: Der 1. FC Saarbrpcken ist mit Herbert Binkert (m.) in den 1950er Jahren ein echtes Spitzenteam und Favoritenschreck.

Mitte April hätte es wieder so weit sein sollen. Der 1. FC Saarbrücken hätte gegen Bayer Leverkusen um den Einzug ins DFB-Pokalfinale gespielt. Doch die Coronakrise bringt den Traditionsverein vorerst um seine Chance auf die nächste Sternstunde in einer an Sternstunden in den 1950er Jahren nicht armen Klubgeschichte. Damals, als Saarbrücken die ganz Großen des Weltfußballs ärgerte.

Am Ende hatte es nicht ganz gereicht. Der AC Mailand war an diesem 23. November 1955 im mit 15.000 Zuschauern prall gefüllten Saarbrücker Stadion Kieselhumes eine Nummer zu groß.

"Die waren letztlich fitter", sagte Jahre später einer, der live dabei war. Als eine Mannschaft von "Feierabendfußballern" eine mit Weltmeistern, Vollprofis und Superstars gespickte Mailänder Mannschaft im erstmals ausgetragenen Europapokal der Landesmeister an den Rand des Ausscheidens brachte.

Herbert Binkert war 1955 einerseits Beamter im saarländischen Ministerium, andererseits auch gefürchteter Rechtsaußen des 1. FC Saarbrücken. "Tagsüber war ich im Büro, abends dann beim Training. Dreimal die Woche", erklärte er im Interview mit 11Freunde. Aber die Saarländer waren damals weit mehr als nur eine Ansammlung von "Feierabendfußballern", wie es Binkert formulierte.

Sie waren die ersten Globetrotter der deutschen Fußballgeschichte - oder vielmehr der saarländischen Fußballgeschichte. Denn damals nach dem 2. Weltkrieg gehörte das Saarland nicht zu Deutschland. 1947 wurde es zu einem französischen Protektorat mit eigener Verfassung, eigener Staatsangehörigkeit, eigener Flagge sowie einer eigenen Hymne.

1. FC Saarbrücken nach dem Weltkrieg: Politisches Instrument

Ziel der französischen Besatzer war es, das Saarland endgültig von Deutschland zu trennen und an die französische Wirtschaft anzuschließen. Der Plan: Das Saarland sollte irgendwann gänzlich an Frankreich angeschlossen werden. Der Fußball spielte dabei eine entscheidende Rolle, war er doch das populärste Mittel der Politiker, um für eine Trennung zu werben.

"Die Fußballer wurden instrumentalisiert. Sie profitierten von großzügiger finanzieller Unterstützung des französischen Hohen Kommissars Gilbert Grandval und des saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann", urteilte beispielsweise der Historiker Wolfgang Harres, Autor des Buches "Sportpolitik an der Saar zwischen 1945 und 1957".

Was bedeutete die Teilautonomie für den 1. FC Saarbrücken? In den ersten Jahren nach dem Weltkrieg spielte der Klub noch durchaus passabel in der deutschen Oberliga Südwest-Nord mit, gewann 1946 sogar die Südwestmeisterschaft. Doch 1948 - in dem Jahr, in dem Binkert zum Verein stieß - wurde Saarbrücken in Folge der Errichtung der Zollgrenze zwischen dem Saarland und Deutschland und dem eingeschränkten Reiseverkehr vom deutschen Ligabetrieb ausgeschlossen.

1. FC Saarbrücken in der französischen Liga: Meister ohne Ehren

Stattdessen sollte der sportlich beste Klub der Region in der eigens gegründeten, jedoch konkurrenzschwachen Ehrenliga spielen. Für Hochkommissar Grandval keine Option, da er gerade in den sportlichen Erfolgen der Saarbrückener den schnellsten Weg sah, seinen politischen Auftrag zu erfüllen.

Die Molschder, wie Saarbrücken später aufgrund des Ludwigsparkstadions im Stadteil Malstatt genannt wurde, wurden mit großem finanziellen Aufwand in die zweite französische Liga integriert. Sogar Bestechungsgelder sollen geflossen sein, damit AS Angouleme zu Gunsten der von Hans Tauchert trainierten Mannschaft auf die Lizenz verzichtet.

Die Spieler des 1. FC Saarbrücken beeindruckten die damaligen politischen Wirrungen nur wenig. "Gefühlt hatte ich mich als Fußballer, die Politik hat uns an und für sich wenig interessiert", sagte beispielsweise Werner Otto, Binkerts pfeilschneller Konkurrent auf der rechten Außenbahn.

Unter dem Namen FC Sarrebruck dominierten die Saarländer die zweite französische Division. Allerdings spiegelte sich diese Dominanz in einer Tabelle nicht wider. Saarbrücken spielte die Saison 1948/49 ohne Wertung und war am Ende nur inoffiziell Meister.

Anschließend wurde den Saarländern nicht nur die Teilnahme an der höchsten Spielklasse in Frankreich aufgrund des Widerstands des elsässischen Rivalen Straßburg untersagt, sondern auch die weitere Teilnahme am Spielbetrieb in Frankreich. Ein Glücksfall für den 1. FC, wie sich später herausstellen sollte.

Saarbrückens Märchen: "Auch Real-Fans verneigten sich"

Ausgeschlossen von den Ligabetrieben in Frankreich und Deutschland unternahm der Klub zahlreiche Weltreisen und testete seine eigene Konkurrenzfähigkeit in Freundschaftsspielen mit Eliteklubs.

"Wir waren ständig unterwegs. Wir machten Freundschaftsspiele in Rio de Janeiro, in Sao Paulo, wir spielten in Liverpool 1:1", sagte Binkert rückblickend. Im Frühjahr 1951 verschlug es Saarbrücken nach Spanien. Dort gewannen die Molschder 4:0 gegen den späteren Meister von 1955, Athletic Bilbao, spielten 2:2 gegen La Coruna.

Besonders in Erinnerung blieb Binkert aber ein Spiel in Madrid. Dort befand sich Real nach durchwachsenen Jahren wieder im Aufschwung unter Präsident Santiago Bernabeu, der nach und nach einen schlagkräftigen Kader zusammenstellte.

Saarbrücken gewann im für damalige Verhältnisse mit 75.000 Plätzen schon imposanten Nuevo Estadio Chamartín (heute Estatdio Santiago Bernabeu) mit 4:0 - und das nach Ansicht der spanischen Presse auch hochverdient. Es war der erste Sieg einer deutschen Mannschaft gegen Real Madrid - und noch viel mehr.

"Die hatten seit zwölf Jahren kein Heimspiel mehr verloren", erinnerte sich Binkert an den schon damals vortrefflichen Ruf der Königlichen: "Manchmal wurden in den fünfziger Jahren auch die Gegner bejubelt. Bei unserem 4:0‑Erfolg in Madrid verneigten sich jedenfalls auch die Real-Fans. Es war ein unfassbares Erlebnis. Unwirklich irgendwie."

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