Fussball

Der DFB im November 2019: Gefangen im Mittelmaß

Joachim Löw ist seit 2006 Bundestrainer.

Auch eineinhalb Jahre nach der verkorksten WM in Russland macht sich keine Aufbruchstimmung beim DFB breit. Während der personelle Umbruch und die damit einhergehende Suche nach einer neuen Identität wegen zahlreicher Ausfälle mühsamer als erwartet verlaufen, leidet die Außendarstellung der Nationalmannschaft weiter. Wenig überraschend dämpft Joachim Löw die Erwartungen im Hinblick auf die anstehende EM.

Nicht allzu lange ist es her, etwa acht Monate, als Oliver Bierhoff auf einem Medienworkshop des DFB in Frankfurt von der deutschen Wiederkehr an die Spitze der Fußballwelt referierte. Dass der von vielen Seiten geforderte personelle Umbruch fortan endlich vonstattengehe und man Schritt für Schritt eine geschworene Einheit entwickeln wolle, die schon bald wieder dem deutschen Selbstverständnis entsprechend um jeden bedeutenden Titel mitspiele.

Der "Direktor Nationalmannschaften und Akademie", so der offizielle Titel des 51-Jährigen, sprühte bei seinem damaligen Auftritt nur so voller Optimismus. An diesem Mittwoch hingegen stellte sich ein eher ernüchterter Bierhoff den Pressevertretern. "Positiv" sei zwar das zu bewerten, was die Mannschaft nach der Schmach von Russland im Sommer 2018 geleistet habe, denn schließlich stehe sie ja unmittelbar davor, das Ticket für die Europameisterschaft im kommenden Jahr zu lösen. Aber: "Der Weg nach oben ist noch lang." Länger als zu Beginn des Jahres angenommen. Das weiß auch Joachim Löw. Der Bundestrainer ist ja keiner, der sich nur mit den nackten Zahlen schmückt. Dann könnte er behaupten, dass seine Mannschaft in den bis dato acht Länderspielen des Jahres 2019 nur eine Niederlage davongetragen und immerhin 23 Tore geschossen habe. Das tut er aber nicht.

Löw: DFB-Team nicht im Favoritenkreis bei der EM

Löw weiß, was er vor fünf Jahren noch für eine Mannschaft hatte. Eine Mannschaft, die fast durch die Bank Weltklasse verkörperte. Und er weiß, was er jetzt für eine Mannschaft hat. Eine Mannschaft, die jünger ist. Die sich noch am Anfang ihrer Entwicklung befindet. Einer hürdenreichen Entwicklung. Denn sieben Monate vor dem nächsten großen Turnier weiß man nicht, wo und wofür sie überhaupt steht, weil sie sich aufgrund langwieriger Verletzungen von wichtigen Spielern wie Leroy Sane, Niklas Süle und Antonio Rüdiger oder kurzfristiger Absagen von Spielern, die wichtig werden sollen, nicht einspielen kann.

"Es sind noch einige Monate hin bis zur EM. Wir zählen aber sicherlich nicht zu den Topfavoriten", gab der 59-Jährige vor dem vorletzten Spiel des Jahres gegen Weißrussland (heute ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) zu. Es habe seit dem ersten Länderspiel 2019 gegen Serbien durchaus ein "stetiger Prozess" stattgefunden, andere Nationen seien jedoch deutlich weiter. Löw nannte dabei Frankreich, England, Spanien und die Niederlande. "Die spielen auch schon ein paar Jahre länger zusammen. Da müssen wir noch hinkommen", sagte er. Wie lange diese Findungsphase dauern kann? "Vielleicht zwei, vielleicht vier Jahre."

DFB-Team: Taktisch variabler als im WM-Jahr

Die ständige Personalrochade hindere ihn vor allem daran, mehr im taktischen Bereich zu arbeiten. "Aber wir haben uns in dieser Hinsicht schon verändert", betonte er. Seine Mannschaft agiere jetzt variabler, lege immer noch Wert auf Ballbesitz, inzwischen aber auch auf schnelles Umschaltspiel. Das könne man bei so vielen Umstellungen allerdings "nicht 90 Minuten lang durchziehen". Ein Umstand, der beim 2:2 gegen Argentinien im Oktober deutlich wurde, als die Löw-Elf nach einer starken ersten Hälfte einbrach.

"Wir haben zuletzt viele Ausfälle kompensiert. Da hat man gesehen, dass die Qualität im Kader hoch ist", sagte Kapitän Manuel Neuer am Mittwoch. Sein Bayern-Kollege Leon Goretzka, einer der vielen Hoffnungsträger, bekräftigte indes, dass man ein "kunterbunter Haufen" mit "richtig geilen Typen" sei.

Den Fans fällt es jedoch nach wie vor schwer, sich mit diesem "Haufen" zu identifizieren. Er erzeugt nun einmal keine Aufbruchstimmung, scheint ob der dünnen Personaldecke und dadurch nicht klaren Hierarchie gefangen im Mittelmaß. Am Mittwoch waren erst knapp 30.000 Tickets für das Spiel gegen Weißrussland in Mönchengladbach und 37.000 Tickets für das Spiel gegen Nordirland in Frankfurt verkauft. In beiden Stadien haben mehr als 50.000 Zuschauer Platz. Für Bierhoff kein Grund zur Sorge. Die Stadien seien seit der WM 2018 immerhin zu 93 Prozent ausgelastet. "Und damit wären die meisten Bundesligisten zufrieden", sagt der ehemalige Angreifer.

DFB-Team: Die Außendarstellung leidet

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Auslastung ist deshalb so hoch, weil in eher kleineren Stadien wie Mainz, Wolfsburg und Sinsheim gespielt wurde. Tatsächlich ist die durchschnittliche Zuschauerzahl mit 37.162 in diesem Jahr so niedrig wie noch nie seit dem Antritt vom Löw als Bundestrainer vor 13 Jahren. Die Alarmglocken läuten trotzdem nicht. PR-Fettnäpfchen wie die verpatzte "Volley"-Choreo bei der 2:4-Pleite gegen die Niederlande in Hamburg werden ebenso totgeschwiegen wie die bisweilen immer noch zu teuren Ticketpreise.

"Wir sind ja nicht die einzige Nation, bei der die Zuschauerzahlen zurückgehen", sagte Bierhoff und begründete das sinkende Interesse in erster Linie mit dem schlechten Wetter, den unattraktiven Gegnern sowie den späten, in der EM-Qualifikation von der UEFA festgelegten, Anstoßzeiten. Auch Joshua Kimmich meinte am Donnerstag: "Die Anstoßzeiten finde ich gerade für Familien mit Kindern schon ganz schön spät."

Der 24-Jährige wollte das trotzdem nicht als Ausrede gelten lassen. "Das Entscheidende ist: Wir müssen es schaffen, mehr Konstanz in unser Spiel zu bekommen und guten Fußball zu zeigen", sagte er. "Damit die, die zu Hause geblieben sind, es vielleicht auch ein Stück weit bereuen."

DFB-Team: Die bisherigen Ergebnisse 2019

Datum

WettbewerbGegnerErgebnis

20. März 2019

FreundschaftsspielSerbien (H)1:1
24. März 2019EM-QualifikationNiederlande (A)3:2
8. Juni 2019EM-QualifikationWeißrussland (A)2:0
11. Juni 2019EM-QualifikationEstland (H)8:0
6. September 2019EM-QualifikationNiederlande (H)2:4
9. September 2019EM-QualifikationNordirland (A)2:0
9. Oktober 2019FreundschaftsspielArgentinien (H)2:2
13. Oktober 2019EM-QualifikationEstland (A)3:0
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