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Fussball

Manuel Neuer und der sinkende Reklamierarm: Droht dem FC Bayern ein Riesenproblem?

Von Justin Kraft
Manuel Neuer hat über seine Krebserkrankung gesprochen.

Manuel Neuer blickt nicht nur auf eine schwache WM 2022 in Katar, sondern auch auf ein wechselhaftes erstes Halbjahr beim FC Bayern München zurück. Der Reklamierarm senkt sich und das Ende einer großen Karriere wird absehbarer. Für den Rekordmeister könnte das schon sehr bald zu einem ungeahnt großen Problem werden.

Als der FC Bayern München die Bundesliga-Saison mit einem 6:1-Feuerwerk in Frankfurt eröffnete, fragte sich Deutschland, wer den Rekordmeister auch nur annähernd stoppen soll. Es war ein rundum gelungener Auftakt, der Lobeshymnen nach sich zog. Sogar Kaiser Franz Beckenbauer äußerte sich überschwänglich. "So eine Leistung habe ich lange nicht gesehen", wurde der 77-Jährige damals von der Bild-Zeitung zitiert: "Diese Mannschaft ist die Zukunft."

Doch schon damals gab es eine Szene, die zumindest andeutete, dass die Vergangenheit den FC Bayern bald vor Herausforderungen stellen könnte. Es war die 64. Spielminute, als Manuel Neuer einen einfachen Rückpass zugespielt bekam. Frankfurts Kolo Muani lief zwar aggressiv an, war zum Zeitpunkt der Ballannahme aber noch gut sechs Meter vom mehrfachen Welttorhüter entfernt. Eine Situation, wie sie Neuer in seinem Leben schon hunderte Male gemeistert hat.

Statt in dieser Situation direkt wieder auf einen der beiden Innenverteidiger abzulegen, drehte sich der Torwart genau in den Laufweg von Muani. Der eroberte den Ball und schob zum bedeutungslosen 1:5 ein. Bedeutungslos war das Tor nur für das Ergebnis. Viel geredet wurde über diese Szene im Anschluss nicht. Neuers Karriere und sein Vermächtnis sind derart schillernd, dass ihm solche Patzer verziehen werden. Einige Monate später ist diese Szene womöglich der Beginn eines großen Problems, das auf den FC Bayern zurollt.

FC Bayern: Manuel Neuer bestätigt bei WM Abwärtstrend

Gerade ist die Weltmeisterschaft für Deutschland abermals nach der Gruppenphase zu Ende gegangen. Fünf Gegentore kassierte das DFB-Team, bei mindestens zwei davon sah Neuer nicht gut aus. Gegen Japan machte er sich beim 1:2 durch eine Oberkörperdrehung unnötig klein. Auch der zwischenzeitliche Führungstreffer von Costa Rica wäre haltbar gewesen, aber der Bayern-Keeper sprang wie ein Handballtorhüter nach oben und legte sich den Ball so quasi selbst ins Netz. Das waren nur die zwei klaren Fehler. Auch bei den drei anderen Gegentoren hatte Neuer zumindest eine Teilschuld.

Als Costa Rica erstmals traf, parierte der 36-Jährige einen Kopfball aus kurzer Distanz. Dabei wirkte er aber ungewohnt träge, schien einen schweren Stand auf seinen Füßen zu haben. Statt den Ball mit den Beinen abzuwehren, versuchte er es nach unten gebeugt mit beiden Armen. Dadurch verlor er die Kontrolle und der Ball wurde nach vorn in die Gefahrenzone statt zur Seite abgewehrt.

Die weiteren Tore von Japan und Spanien würden einem normalen Torhüter wohl nicht als Fehler angekreidet werden. Aber Neuer ist eben kein normaler Torhüter. Er hat das Spiel zwischen den Pfosten revolutioniert. Er ist ein Vorbild für eine ganze Generation geworden. Der Maßstab, der bei ihm angelegt wird, ist ein anderer. Und so ist auch die These nicht weit hergeholt, dass er in einer früheren Phase seiner Karriere höchstens eines dieser fünf Gegentore kassiert hätte.

FC Bayern: Manuel Neuer wackelte schon vor der WM

Nun ist Neuer nicht der Hauptfaktor für das Ausscheiden des deutschen Teams. Aber zwischen der Szene in Frankfurt und seinem unglücklichen Auftritt bei der Weltmeisterschaft lagen viele weitere Spiele, in denen er den Eindruck mitunter verstärkte, dass er über seinen Zenit hinaus ist.

Die ganz großen Patzer sind im Vergleich zu anderen Torhütern nach wie vor selten. Aber Neuer schafft es immer seltener, die berühmten "Unhaltbaren" zu parieren und zeigt mehr Unsicherheiten als früher. Seinen Teams gewann er damit regelmäßig Spiele. Dieser Tage wirkte er beim Anschlusstreffer von Youssoufa Moukoko in Dortmund oder beim 1:3 von Dodi Lukebakio in Berlin langsam und schleppend im Vergleich zu früheren Paraden. Eindeutige Fehler? Sicher nicht. Aber chancenlos war Neuer eben auch nicht.

Sind seine Tage also gezählt? Zu früh abschreiben sollte man ihn nicht. Zumal er immer noch ein guter Torhüter ist, aktuell aber eben keine Weltklasse mehr. Dass der FC Bayern sich die Situation ganz in Ruhe anschaut und nicht in Aktionismus verfällt, hat dennoch gute Gründe. Der Weltmeister von 2014 hat sich in seiner Karriere schon mehrfach zurückgekämpft. Beispielsweise nach seinen Mittelfußbrüchen, die sogar seine Laufbahn hätten beenden können. Vor der WM in Katar hatte er mit einer unerwartet langwierigen Schulterverletzung zu kämpfen, die womöglich immer noch Einfluss auf seine Leistungen hat - wenn auch nur im Unterbewusstsein.

FC Bayern ahnt das Ausmaß des Torwart-Problems noch nicht

Trotzdem steht der FC Bayern vor einem riesigen Problem, dessen Ausmaß er vielleicht vor lauter Vertrauen in Neuer noch gar nicht wahrnimmt. Es sind nicht nur einzelne Gegentore und die Verletzung, die dem Rekordmeister Sorgen bereiten sollten. Neuer hat seinen Glanz im Aufbauspiel verloren, wirkt hektischer als früher. Ausgerechnet der Aspekt, der ihn über mehrere Jahre hinweg so einzigartig machte, scheint zu verschwinden.

Auf der Linie ist er nicht mehr Spitze und auch mit dem Ball am Fuß liefert er kaum noch Argumente dafür, ihn weiter zur Weltspitze zu zählen. Es ist nicht so, dass Bayern nicht versucht hätte, dem drohenden Abwärtstrend Neuers vorzubeugen. Aber die Hoffnung, dass Christian Früchtl ihn beerben könnte, ist längst erloschen.

Nun steht der Name Alexander Nübel noch in den Büchern des Rekordmeisters. Der Ex-Schalker wurde mit großen Vorschusslorbeeren verpflichtet und scheint sich in Frankreich nach langer Anlaufzeit endlich im Profigeschäft zu etablieren - sogar auf ordentlichem Niveau. Aber auf Bayern-Niveau? Eher nicht.

Nübel ist weit davon entfernt, ein zweiter Neuer zu werden - oder auch nur in die Nähe zu kommen. Dafür ist er im Spielaufbau zu behäbig und auf der Linie nicht besonders genug. Und so steht der FC Bayern vor einer schweren Entscheidung. Die Frage ist lediglich, wann sie fällig ist, aber viel Zeit bleibt nicht. Macht man denselben Fehler wie in der Zeit nach Oliver Kahn und experimentiert zunächst mit Torhütern, die sich auf höchstem Niveau noch nicht bewiesen haben? Greift man womöglich auf eine erfahrene Übergangslösung zurück? Oder nimmt man viel Geld in die Hand für jemanden, der Neuer direkt beerben soll?

FC Bayern: Stefan Ortega war die Chance auf mehr Ruhe

Der FC Bayern hätte sich bereits im vergangenen Sommer das Leben deutlich leichter machen können. Mit Stefan Ortega war ein Torwart verfügbar, der ein sehr hohes Grundniveau auf allen Ebenen hat. Einer, der nicht zur Weltspitze zählt, der aber sehr wohl fähig ist, bei einem Weltklasseteam ein solider Rückhalt zu sein. Das beweist er aktuell bei Manchester City.

Schon in Bielefeld war er zeitweise der beste Bundesliga-Torhüter. Vor allem hat der 30-Jährige aber technische Fähigkeiten, die ihn zum perfekten Übergangstorhüter gemacht hätten. Bayern hätte sich mit Ortega Zeit erkauft, die sie mit Sven Ulreich nicht haben. Denn der hat bei weitem nicht (mehr) das Niveau, um Neuer über eine längere Zeit zu vertreten oder ihn gar mittelfristig zu beerben.

Es ist kein Geheimnis, dass sich die Münchner mit Ortega auseinandergesetzt haben. Allerdings sollen sie sich beim Versuch einer Verpflichtung nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben. Und so ging er zu Pep Guardiola und Manchester City. Jetzt steht Bayern mit zwei Torhütern da, die einst ein gutes Duo bildeten. Allerdings scheinen beide über ihrem Zenit zu sein.

Während sich der Reklamierarm Neuers also langsam senkt und er auf das Ende seiner Karriere zusteuert, brauchen die Bayern Lösungen. Noch ist seine Zeit nicht abgelaufen, aber das Ende einer großen Karriere wird absehbarer. Beckenbauer hatte recht: Diese Mannschaft ist die Zukunft und auf vielen Ebenen wurde klug vorgesorgt. Aber die Torhüterfrage könnte schon sehr bald ein ungeahntes Loch in den Kader reißen.

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