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Fussball

RB Leipzig und die Gründe für den Fehlstart in die Saison: Der verdiente Lohn

Von Stefan Rommel

Bei der Suche nach den Gründen für den völlig missratenen Saisonstart von RB Leipzig führen viele Wege zu Geschäftsführer Oliver Mintzlaff. Aber auch Trainer Domenico Tedesco gerät langsam unter Druck und muss jetzt Antworten liefern.

Schon vor einer Woche sprach Oliver Mintzlaff von einem "beschissenen Start" seiner Mannschaft in die Saison und vielleicht war es ganz gut, dass sich RB Leipzigs Geschäftsführer nach der Niederlage seiner Mannschaft gegen Union Berlin dieses Mal zurückhielt mit öffentlichen Äußerungen.

Mit zwei Punkten aus den ersten drei Saisonspielen hat Leipzig den schlechtesten Saisonstart seiner immer noch jungen Klubgeschichte hingelegt. Es dürfte den Pokalsieger herzlich wenig trösten, dass bei Bayer Leverkusen die Aufregung nach vier Pleiten aus vier Pflichtspielen noch größer ist und auch die Fans von Borussia Dortmund schon wieder erste Zweifel hegen bei der Operation Neustart.

Dabei kommt der missglückte Auftakt in die neue Spielzeit gar nicht so überraschend. Leipzig hat sich ein paar Fehler zu viel geleistet in den letzten Wochen und Monaten und bekommt dafür nun die Quittung.

Leipzig hat kaum drei Monate nach dem großen Erfolg im Pokalfinale von Berlin auf allen Ebenen Probleme angehäuft, die noch schlimmer nachhallen könnten als etwa jene beim anderen enttäuschten Top-Klub aus Leverkusen: Weil sie grundsätzlicher Natur sind und keine beiläufige Erscheinung oder fehlendes Spielglück. Eine Einordnung.

RB Leipzig: Die Suche nach sportlicher Kompetenz

RB Leipzig sucht seit über einem Jahr nach einem Nachfolger von Markus Krösche als Sportdirektor. Der ging einigermaßen desillusioniert nach Frankfurt, weil er in Leipzig zwar als starker Mann im sportlichen Bereich deklariert wurde, in letzter Instanz aber zu wenige Dinge auch selbst entscheiden durfte und die Basis für eine weitere Zusammenarbeit unter anderem mit Mintzlaff nicht mehr gegeben sah.

Rund um das Köln-Spiel vor wenigen Tagen preschte nun Mintzlaff selbst in einem Interview bei Sky vor und verriet: "Es kommt einer, weil wir den auch brauchen. Zu RB Leipzig gehört ein starker sportlicher Mann, ein Aushängeschild. Wir wollen den richtigen, und den werden wir auch bald präsentieren!" Zeitnah sollte das geschehen, so Mintzlaff - passiert ist seitdem aber immer noch nichts.

Stattdessen dementierte der Geschäftsführer Gerüchte um eine Einigung mit Max Eberl und ruderte plötzlich wieder zurück. "Ich kann all das dementieren, was geschrieben wurde. Ich kann auch dementieren, dass wir eine Einigung mit Max Eberl haben. Ich kann nur sagen, dass wir in guten Gesprächen sind", sagte Mintzlaff in einer Talkrunde der Leipziger Volkszeitung.

Damit entwickelt sich die Suche immer mehr zu einer Posse. Im Juli habe RB "dem Kandidaten, mit dem wir uns einig waren, aus den unterschiedlichsten Gründen abgesagt. Ein Grund dafür war, dass sich für uns zeitgleich überraschenderweise eine andere Tür geöffnet hat, die für uns eine extrem große Chance bedeutet", wie Mintzlaff damals erklärte.

Womöglich hat das alles auch damit zu tun, dass etwaige Kandidaten von Mintzlaffs Machtfülle und der Dysfunktionalität im Klub abgeschreckt werden. Eigentlich bräuchte RB einen Geschäftsführer Sport und nicht "nur" einen Sportdirektor. Jemanden, der auf Augenhöhe und der gleichen Entscheidungsebene wie Mintzlaff agieren kann.

RB Leipzig: Der schräg konzipierte Kader

Mit einem solchen starken Mann wäre dann wohl auch der Transfersommer etwas anders verlaufen. Leipzig hat es geschafft, den Vertrag mit Christopher Nkunku zu verlängern. Das ist ein großer Erfolg, aber die Hintergründe oder mögliche Zugeständnisse an den Spieler bleiben dabei im Verborgenen.

Auch die Transferbilanz sieht auf den ersten Blick ganz ordentlich aus: Neben ein paar Ergänzungsspielern hat Leipzig nur Nordi Mukiele im Sommer abgeben müssen oder wollen. Und im Gegenzug in David Raum und Timo Werner zwei deutsche Nationalspieler geholt. Dazu noch Xaver Schlager, der im Mittelfeld noch eine gute Rolle spielen könnte. Leipzig sind teilweise spektakuläre Transfers geglückt - deren tatsächlicher sportlicher Wert bleibt aber fragwürdig.

Die Unwucht im Kader lässt sich nach den ersten Pflicht- und auch einigen Testspielen jedenfalls kaum noch leugnen und der Verdacht liegt nahe, dass ohne die entsprechende sportliche Expertise im Hintergrund an den eigentlichen Baustellen im Kader vorbei gearbeitet wurde. Das Qualitäts- und Leistungsgefälle zwischen Offensive und Defensive ist jedenfalls enorm.

Während sich RB im Angriff gleich vier Mittelstürmer leistet, gibt es nur einen gelernten rechten Außenverteidiger im Kader. Die Qualität und Leistungsdichte der Offensivspieler ist beeindruckend, bei den Defensivspielern aber schwingen da doch einige Zweifel mit. Mit Willi Orban, Mohamed Simakan und Josko Gvardiol hat Leipzig nur drei Innenverteidiger zur Verfügung, was für die Idee mit der Dreierkette und der Dreifachbelastung der anstehenden englischen Wochen bis zum WM-Start dann doch kaum reichen dürfte.

Der Werner-Transfer war auch einer fürs Herz und die Identifikation. Aus sportlicher Sicht bleibt die Rückholaktion aber ebenso fragwürdig wie der Zukauf von Raum. Einen Spieler mit dessen Qualitäten hatte RB schließlich schon im Kader, Angelino wurde im Gegenzug aber nun nach Hoffenheim verliehen.

RB Leipzig: Die sportlichen Probleme

Domenico Tedesco hat einige Baustellen, die auch auf die aktuelle Transferpolitik zurückgehen. Der Trainer will oder muss Spieler mangels Alternativen positionsfremd aufstellen. In Stuttgart und gegen Köln agierte Stürmer Hugo Novoa als rechter Schienenspieler, Dominik Szoboszlai und Benjamin Henrichs bildeten gegen Köln plötzlich eine Doppel-Sechs - der eine ist ein offensiver Mittelfeldspieler, der andere eigentlich für die rechte Außenbahn vorgesehen.

Überhaupt ist das zentrale Mittelfeld eine Schwachstelle bisher. Einige Spieler befinden sich in einem Leistungstief und erleben derzeit, was es heißt, sich auch nach einem großen Erfolg wieder neu zu motivieren und dann noch fleißiger, akribischer, besser zu arbeiten: Das kannten sie in Leipzig noch nicht. Und einige Probleme sind eben auch systemimmanent.

Mit der Dreier- beziehungsweise Fünferkette plus den beiden aktuell gesetzten Angreifern Werner und Nkunku sowie dem einzigen Lichtblick Dani Olmo bleiben nur noch zwei Feldspielerpositionen im Mittelfeld übrig. Nun ist diese die Keimzelle des Leipziger Fußballs um zumindest eine Position personell ausgedünnt, was erhebliche Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der Mannschaft hat.

Der klassische Leipziger Schwerpunkt im Pressing und Gegenpressing leidet darunter, wie man unter anderem an den beiden Gegentoren in Berlin, aber auch schon gegen Stuttgart und Köln sehen konnte. Da bleibt nicht mehr viel übrig von der gewünschten Konterabsicherung. Stattdessen wird die häufig noch eine Spur riskanter nach vorne verteidigende Abwehrreihe überrascht. Die dann Tiefenbälle des Gegners nur schwer löschen kann, weil es den aktuellen Innenverteidigern am nötigen Tempo fehlt.

Und wie Tedesco nun mit dem Überangebot an Offensivspielern plus dem Flankengeber Raum ein funktionierendes Ballbesitzspiel bauen will, bleibt eine weitere dringliche Frage. Bisher ist es die individuelle Qualität der Einzelspieler, die für Torgefahr beim Gegner sorgt. Klare Abläufe oder ein gefestigter Plan, wie die vielen Spieler unter einen Hut zu bekommen sind und auch systematisch zueinander passen könnten, sind momentan nur zu erahnen.

Tedesco ist die Unzufriedenheit mit seiner Mannschaft und vielleicht auch mit sich selbst deutlich anzumerken. Dass unter der Woche sein Chef Mintzlaff unangemeldet in der Kabine erschienen sei und er davon "gar nichts mitbekommen" habe, dürfte dem Trainer aber auch nicht besonders gefallen haben.

RB Leipzig: Die Stimmung im Klub

Mintzlaffs ungewöhnlich harte Kritik schon nach dem zweiten Spieltag und seine Kommunikation mit der Mannschaft über den Kopf des Trainers hinweg sprechen Bände. Und auch wenn der Geschäftsführer danach um eine Einordnung seiner Worte bemüht war, bleibt doch das Gefühl, dass es erheblich knirscht und die Arbeit besonders für den Trainer nicht eben einfacher wird.

Der wiederum stellte nach der Niederlage in Berlin seine Mannschaft in den Senkel. "Das Problem war nicht der Matchplan, sondern die Einhaltung des Matchplans", lautete das Urteil des Trainers. "Vor beiden Gegentoren haben wir den Ball in Zonen gespielt, die giftig sind, in die wir auf keinen Fall spielen wollten."

In der Rückrunde der abgelaufenen Saison mit dem Höhepunkt des Pokalsiegs war inhaltlich auch nicht immer alles perfekt bei RB. Die Mannschaft hatte ein paar Schwächen, konnte diese aber mit ihrem damals hervorragenden Teamgeist und Zusammenhalt gut kaschieren. Bisher ist davon noch recht wenig zu sehen. Die Einzelteile gehören immer noch zum Besten, was die Bundesliga zu bieten hat. Aber sie passen aktuell nicht so gut zusammen.

Die Euphorie ist verflogen, der Aufprall ziemlich hart. Das Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (Samstag, 15.30 Uhr im LIVETICKER) bekommt deshalb nun schon einen besonders wichtigen Charakter. "Ich will nicht sagen, dass harte Zeiten auf uns zukommen", sagte Timo Werner. "Aber wir müssen dringend mal ein Spiel gewinnen - sonst wird es wirklich sehr dunkel."

Bundesliga: Die aktuelle Tabelle

PlatzTeamSp.ToreDiffPkt.
1.Bayern München315:1149
2.Borussia M'gladbach36:337
3.Union Berlin35:237
4.Mainz 0534:227
5.Freiburg36:336
6.Hoffenheim37:526
7.Borussia Dortmund36:426
8.Köln36:425
9.Werder Bremen37:615
10.Augsburg33:7-43
11.RB Leipzig34:5-12
12.Stuttgart33:4-12
13.Schalke 0433:5-22
14.Wolfsburg32:4-22
15.Eintracht Frankfurt33:8-52
16.Hertha BSC32:5-31
17.Bayer Leverkusen31:6-50
18.Bochum33:12-90

 

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