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Fussball

Kommentar zum Spielerstreik bei Mainz 05: Bundesligaprofis sind kein Freiwild

Solidaritätsgemeinschaft? Die Spieler des FSV Mainz 05 stellten sich nach seiner Suspendierung klar hinter Adam Szalai.

Adam Szalais Suspendierung und der anschließende Spielerstreik haben die Verantwortlichen des FSV Mainz 05 in arge Erklärungsnot gebracht. Und das ist auch gut so. Denn spätestens seitdem die Corona-Krise Einzug gehalten und Vereine in finanzielle Engpässe gestürzt hat, sind es Spieler, die als Bauernopfer für Vereine herhalten und von ihnen teils unter fadenscheinigen und in einem Fall sogar rufschädigenden Begründungen weggeekelt werden. Ein Kommentar von Redakteur Jonas Rütten.

Am Ende der "Eskalationsstufe" war der Punkt erreicht, an dem es bei Mainz 05 ins völlig Skurrile abdriftete. Da saßen sie nun auf dem Podium und stellten sich nach einer historischen und kurzen Nacht den bohrenden Fragen der Presse. Sie, das waren Trainer Achim Beierlorzer und Sportvorstand Rouven Schröder, und sie gaben sich die größte Mühe, die Suspendierung von Adam Szalai als eine rein sportliche Entscheidung darzustellen.

"Es hatte nichts, gar nichts mit dem Thema Gehalt zu tun", sagte Schröder. Und Beierlorzer ergänzte, dass er trotz des Solidaritäts-Streiks seiner Spieler mit dem in der Mannschaft beliebten und zum Mannschaftsrat gewählten Szalai "kein Zerwürfnis" zwischen ihm und seinen Spielern wahrnehme und sogar Verständnis für "diesen Zusammenhalt" gehabt habe. Alles also halb so wild und ab zur Tagesordnung? Von wegen!

So sehr sie auch versuchten, die Wogen zu glätten und sich selbst sogar als die Guten in der Geschichte zu präsentieren, weil sie Szalai ja ganz uneigennützig einen Vereinswechsel auch im Hinblick auf die anstehende EM (Szalai ist Kapitän der ungarischen Nationalmannschaft) und der potenziell geringen Aussicht auf Spielzeit in Mainz nahegelegt hätten, der Glaube an dieser Darstellung wollte sich beim besten Willen nicht einstellen.

Schon am Mittwoch hatte Szalais Berater Oliver Fischer behauptet, dass "die ausgesprochene Freistellung keine reinen sportlichen Gründe haben kann". Als Argument dafür kann beispielsweise angeführt werden, dass Szalai zunächst die gesamte Vorbereitung absolvierte und noch eine Woche vor dem Saisonstart im DFB-Pokal gegen Havelse nach 60 Minuten eingewechselt wurde und zum wichtigen 2:1 traf.

Szalai, Polter, Badstuber: Drei fragwürdige Suspendierungen

Und da soll er plötzlich nur sieben Tage später sportlich nicht mehr tragbar sein? Angesichts der übereinstimmenden Berichte der Bild-Zeitung und der für gewöhnlich gut bei den Rheinhessen informierten Allgemeinen Zeitung, denen zufolge es interne Streitigkeiten über angeblich zugesicherte Gehaltsrückzahlungen mit Szalai als Rädelsführer gegeben haben soll, eher unglaubwürdig.

Es bleibt der Verdacht, dass die Führungsriege mit Szalai einen Quälgeist loswerden wollte und wohl guter Hoffnung war, der Spieler würde mit Blick auf sein EM-Ziel eher früher als später das Weite suchen, sobald er nur noch im hintersten Eck bei der U23 mittrainieren darf. Selbiges hatte der VfB Stuttgart schon ein paar Wochen vorher mit Holger Badstuber gemacht.

Den gut bezahlten Innenverteidiger wollten die Schwaben im Sommer loswerden und verbannten ihn kurzerhand nach seiner Klarstellung, dass er "sicher" bleiben und seinen noch bis 2021 laufenden Vertrag "einhalten" werde, in die zweite Mannschaft.

Auf die Spitze trieb es zuvor der 1. FC Union Berlin, der Stürmer Sebastian Polter wegen "unsolidarischen Verhaltens" kurz vor dem Auslaufen seines Vertrags freistellte und ihn wegen der Begründung, er habe einen Gehaltsverzicht in Corona-Zeiten abgelehnt, medial sogar zum Abschuss freigab.

Gehalt oder Trainer-Streit? Szalai handelte im Sinne der Mannschaft

Über seinen Anwalt erwirkte der 29-Jährige dann eine Gegendarstellung, die der Verein per Pressemitteilung rausgeben musste, diese aber wiederum mit eigenen Einwürfen und Richtigstellungen konterkarierte.

Wer am Ende die Wahrheit sagte, blieb ungeklärt. Das Verhalten von Union dem Spieler gegenüber war aber ebenso fragwürdig wie das des VfB gegenüber Badstuber oder das der Mainzer gegenüber Szalai. Im Falle von Polter war es sogar rufschädigend, schließlich implizierte die Begründung, dass er nur auf sein Wohlergehen und seinen Profit bedacht gewesen sei.

Bei Szalai und Mainz liegt der Fall zwar anders, allerdings sind die als "rein sportlich" betitelten Beweggründe auch hier mehr als fadenscheinig. Der Solidaritätsstreik seiner Mitspieler zeigt außerdem, dass Szalai offenbar im Sinne der Mannschaft gehandelt hat.

Ob es dabei nun um eine Intervention wegen ausbleibender und angeblich zugesicherter Gehaltsrückzahlungen oder um einen vom kicker kolportierten Streit mit dem angeblich in Mannschaftskreisen hinterfragten Trainer Beierlorzer gegangen ist, sei mal dahingestellt.

Szalai auf Konfrontationskurs: Er hat mehr Rückhalt als Beierlorzer

Die Aktion der Mainz-Spieler vom Mittwoch muss auch den anderen Bundesliga-Klubs eine Warnung sein. Vertraglich gebundene Spieler sind kein Freiwild, das man einfach bei unangenehmen Fragen, Meinungsverschiedenheiten ohne ein erkennbares Fehlverhalten durch Abschiebungen in die zweite Mannschaft loswerden kann.

Etwas Ähnliches hatte 1899 Hoffenheim schon mal mit seiner legendären Trainingsgruppe 2 gemacht, wo Granden wie Tim Wiese oder Tobias Weis ausgegrenzt, aus der Kabine verbannt und von Mannschaftsfotos abgeschottet wurden und noch ein wenig gegen Kreisliga-Mannschaften kicken durften.

Dass diese dann aber schnell aus dem Verein verschwunden wären - was das eigentliche Ziel der Trainingsgruppe war -, lässt sich nicht behaupten. Wiese saß seine Suspendierung über fast seinen gesamten Vertrag aus.

Dass Szalai das nicht tun wird, ist klar. Aber er wird nach Angaben seines Beraters gegen seine Suspendierung vorgehen und auf eine Konfrontation abzielen, an deren Ende möglicherweise nicht er, sondern Trainer Beierlorzer gehen muss. Dass er mehr Rückhalt in der Mannschaft hat als der Trainer, zeigte der Mittwochnachmittag eindrucksvoll.

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