Fussball

Ex-Leverkusen-Profi Jens Nowotny im Interview: EM-Debakel? "Einige hätten es gerne gesehen, wenn sich zwei von uns erhängt hätten"

Von Dennis Melzer

Jens Nowotny war fast zehn Jahre lang eine feste Größe bei Bayer Leverkusen und zählte zu den besten Verteidigern des Landes. Während seiner Laufbahn durchschritt der gebürtige Badener etliche Höhen und Tiefen, erlebte Bayers Hochzeiten und Enttäuschungen Ende der 1990er sowie Anfang der 2000er Jahre hautnah mit.

Im ausführlichen Karriere-Interview mit SPOX und Goal blickt Nowotny zurück auf seine Anfangszeit beim Karlsruher SC, zahlreiche vergebene Meisterschaften mit Bayer, das EM-Debakel mit der Nationalmannschaft im Jahr 2000 und etliche Verletzungsrückschläge.

Zudem verrät der mittlerweile 46-Jährige, was ihn am modernen Berater-Business und an Stefan Effenberg gestört hat, warum junge Fußballer anstatt in den nächsten Porsche in Immobilien investieren sollten, wie es zum großen Streit mit Leverkusen kam und warum Christoph Daum ein Trainer aus "dem obersten Regal" war.

Jens, die Corona-Pandemie hält die Welt in Atem. Wie verbringen Sie aktuell Ihre Zeit?

Jens Nowotny: Ich arbeite im Garten, lese viel, spiele Brettspiele oder gehe spazieren. Ich wohne auf dem Land, hier tummeln sich nicht so viele Menschen. Dementsprechend fällt es leichter, Rücksicht zu nehmen.

Sie sind Geschäftsführer eines Restaurants in Mönchengladbach. Die Gastronomie trifft die Krise ganz besonders hart. Welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Tagen gemacht?

Nowotny: Mein guter Freund Paris Houdeloudis kümmert sich hauptsächlich vor Ort darum. Wir versuchen in erster Linie, die Mitarbeiter zu schützen. Er hat ihnen gesagt, dass sie vorerst zuhause bleiben sollen und dass wir die Krise gemeinsam bewältigen. Grundsätzlich müssen wir dennoch schauen, wie lange wir diesen Zustand aufrechterhalten können. Die Löhne müssen gezahlt werden, die Miete muss überwiesen werden. Die Fixkosten laufen normal weiter.

Als Ihr Restaurant noch geöffnet war, gab es für Menschen, die zum Beispiel im Gesundheitswesen arbeiten, ein Angebot für kostenloses Mittagessen. Wie kam es zu dieser Idee?

Nowotny: Paris hatte diese Idee. Ich habe mich mit ihm über die aktuelle Situation ausgetauscht. Wir haben unsere eigenen Nöte, aber auch die Sorgen unserer Mitarbeiter thematisiert. Darüber hinaus gibt es aber auch Menschen, die in diesen Zeiten nicht zuhause bleiben können, sondern im Krankenhaus gebraucht werden. Diesen Leuten und ihren Familien wollten wir etwas Gutes tun.

Was hat Sie nach Ihrem Karriereende dazu bewogen, ein Restaurant zu eröffnen?

Nowotny: Ich glaube, die Idee, ein eigenes Restaurant oder eine Sportsbar zu eröffnen, haben viele. Das klingt ja auch ganz cool! Vor acht Jahren habe ich mich mit Paris getroffen. Wir haben über viele private Dinge gesprochen. Unter anderem über diese Thematik. Am nächsten Tag hat er mir zwei oder drei Objekte in Mönchengladbach geschickt. So fing das an.

Neben Ihrer Tätigkeit als Gastronom sind Sie unter anderem als Spielerberater tätig. Ist diese Information noch aktuell?

Nowotny: Eher nicht. Aufgrund der Kontakte, die ich mir mit der Zeit aufgebaut habe, bekomme ich noch die eine oder andere Anfrage. Aber das Geschäft hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Das ist nicht mehr mein Ding.

Was hat sich verändert?

Nowotny: Dieses Geschäft war schon immer schwierig. In der Öffentlichkeit wurde die Tätigkeit als Berater und die damit verbundenen Gehälter oder Provisionen bei Vereinswechseln stets kritisch betrachtet. Das hat sich zuletzt weiter zugespitzt. Wir hatten in unserer Agentur zwei Fälle, die mir die Lust an diesem Business etwas genommen haben.

Inwiefern?

Nowotny: Nur ein Beispiel: Wir haben für einen Spieler einen Termin bei einem Klub ausgemacht. Dieser sollte am Donnerstag stattfinden. Mittwochabend habe ich beim entsprechenden Verein angerufen, um mir den Termin noch einmal bestätigen zu lassen. Da sagte mir der Manager: 'Der Spieler war gestern schon hier - mit einem anderen Berater.' Ich bin ein Typ, mit dem man über alles sprechen kann. Wenn es nach dem Gespräch immer noch unüberbrückbare Probleme gibt, geht man seiner Wege. Aber mit solch einem linken, hinterlistigen Verhalten kann ich mich nicht arrangieren. Ich habe Freunde, die in diesem Bereich tätig sind und ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das hat meine Pläne, aus dem Geschäft auszusteigen, bestätigt. Der Job sollte Spaß machen - und das war am Ende nicht mehr der Fall.

Was machen Sie stattdessen?

Nowotny: Mit meiner Consulting-Firma berate ich weiterhin Fußballer und Fußballerinnen. Aber mittlerweile in anderen wichtigen Fragen. Dabei geht es etwa um die finanzielle Absicherung oder die Karriere nach der Karriere.

Ist das wirklich notwendig?

Nowotny: Definitiv. Viele junge Spieler unterschreiben ihren ersten Profivertrag und es geht beim Autokauf sofort in die AMG-, M- oder Turbo-Ausstattung. In diesem Fall möchte man den Zeigefinger heben und sagen: Es wäre schön, wenn zumindest ein Bruchteil deines Geldes in eine Immobilie fließen würde - als Absicherung. Ich kann verstehen, dass es für diejenigen, die in jungen Jahren derart viel Geld verdienen, Bekanntheit erlangen und Ruhm ernten, schwierig ist, wenn jemand wie ich ihnen sagt, dass sie einen Gang runterschalten sollten. Aber ich habe das Ganze ja selbst durchlebt und weiß, dass es wichtig ist, für die Zeit nach der Karriere vorzusorgen.

Wäre die Beratung, gerade in jungen Jahren, nicht Aufgabe der Eltern?

Nowotny: Das kommt natürlich auf die jeweiligen Eltern an. Es ist häufig vorgekommen, dass Eltern von 15- oder 16-jährigen Spielern mich gefragt haben, ob ich ihrem Kind einen Berater empfehlen würde. Meine erste Frage war immer: 'Seid Ihr mit dem Verein zufrieden?' Wenn die Antwort bejaht wurde, habe ich gesagt: 'Dann braucht Euer Kind auch keinen Berater.' Vielleicht war das falsch. Wenn die Eltern nämlich der Meinung sind, dass ihr Kind immer das neueste iPhone oder die neuesten Adidas-, Puma- oder Nike-Klamotten bekommen sollte, sehe ich das kritisch. Ich ticke diesbezüglich anders.

Was hat sich im Vergleich zu damals vor allem mit Blick auf die materielle Ebene verändert?

Nowotny: Mein erstes Auto war ein neues Ford Escort Cabrio V16. Das war damals schon etwas ganz Besonderes, vor allem für einen 18-Jährigen. Auch ich bin Porsche, BMW M3 oder Mercedes SLR gefahren, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber ich habe mich gesteigert und habe nicht mit einem Porsche angefangen. Das ist heutzutage anders. Was ich damit sagen möchte, ist: Die Jungs haben heutzutage ein ganz ähnliches Leben wie wir damals - nur steigen sie schon ganz oben ein. Es geht viel schneller.

Sie haben mit dem Fußballspielen beim SV Spielberg begonnen und sind später zu Germania Friedrichstal gewechselt. Plötzlich saß Karlsruhe-Trainer Winfried Schäfer bei Ihnen im Wohnzimmer. Wie kam es dazu?

Nowotny: Wir sind mit Friedrichstal, einem ganz kleinen Verein, Dritter in der süddeutschen Meisterschaft geworden. Im Halbfinale haben wir gegen den FC Bayern 0:7 verloren, aber den VfB Stuttgart im Spiel um Platz drei 3:2 geschlagen. Da wurden einige größere Klubs auf uns aufmerksam, unter anderem auch der Karlsruher SC und Winfried Schäfer. Mein Onkel hatte damals ohnehin schon einen engen Draht zum KSC, weil er ein Restaurant betrieb, in dem viele Karlsruhe-Spieler und -Verantwortliche häufig zu Gast waren. Es lag also nahe, dass man versucht hat, mich zum KSC zu holen.

Sie sprachen von einigen größeren Klubs, die aufmerksam wurden. Wer war neben dem KSC noch interessiert?

Nowotny: Bayer Leverkusen zum Beispiel. Das ist eine ganz lustige Geschichte: Als Carsten Ramelow und ich später bei Leverkusen gespielt haben, standen wir gemeinsam mit Michael Reschke auf dem Parkplatz. Plötzlich hat er uns zwei Ordner in die Hand gedrückt, in denen en detail alles zu unserer Jugendzeit aufgeführt war. Wir waren also schon ganz zu Beginn unserer Laufbahn bei Bayer 04 auf dem Zettel. Außerdem hat Klaus Toppmöller, damals noch Bochum-Trainer, mich angerufen. Als er zum zweiten Mal anrief, habe ich meinen Papa gebeten, in meinem Namen abzusagen. Ich habe das einfach nicht übers Herz gebracht.

Warum haben Sie sich für den KSC entschieden?

Nowotny: Ich kannte über meinen Onkel bereits einige KSC-Spieler wie Mehmet Scholl, Rainer Schütterle, Michael Sternkopf oder Oliver Kreuzer.

Wer hat Sie in jungen Jahren besonders geprägt?

Nowotny: Oliver Kreuzer war definitiv eine Bezugsperson. Aber die, die mich am meisten geprägt haben, kamen erst später dazu. Oliver Kahn hat mir immer wieder gezeigt, dass man mehr tun muss als alle anderen, um besser zu werden. Auch Wolfgang Rolff und Icke Häßler waren sehr wichtig für mich, zu ihnen habe ich aufgeschaut. Insgesamt war die Mannschaft gespickt mit lieben Jungs, die mich unterstützt haben, wo es nur ging. Das war eine tolle Zeit.

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