Wintersport

Ski Alpin – Kreuzbandrisse an der Tagesordnung: „Leute sind desperat geworden“

Von SPOX Österreich
Bernadette Schild verletzte sich in Sölden schwer.

Der ÖSV hat schon nach dem ersten Rennen der neuen Ski-Saison eine schwere Verletzung zu beklagen. Bernadette Schild erlitt im Riesenslalom von Sölden einen Kreuzbandriss - ein absolutes Horror-Szenario für jeden Skiprofi. Warum bekommt die Szene diese Art von Verletzungen nicht in den Griff? Ein Experte nennt die Dinge beim Namen.

Anna Veith erwischte es im Jänner, Marco Schwarz folgte im Februar. Stephanie Brunner zuletzt im August. Alle drei eint die Diagnose.

Kreuzbandriss.

Das Trio landete jeweils nur kurze Zeit nach ihrer Verletzung auf dem OP-Tisch der Privatklinik Hochrum. Dort hat sich um Dr. Christian Fink und Dr. Christian Hoser ein Team an Experten für schwere Knieverletzungen aus dem Spitzensport geformt.

"Von den operativ zu behandelnden Verletzungen ist das Knie weitaus vorne - zu 60 bis 70 Prozent. Meistens ist das vordere Kreuzband betroffen", erklärt Hoser im Interview mit dem Podcast Après Ski.

Ski-Alpin-Verletzungen: "Kreuzband wird regelrecht zerfetzt"

Seit nunmehr 20 Jahren vertrauen beinahe alle ÖSV-Athleten auf die Expertise des Facharztes für Sporttraumatologie. Ein festes Arbeitsverhältnis mit dem Skiverband besteht nicht, die Sportlerinnen und Sportler entscheiden stets selbst, wo sie sich behandeln lassen. Die Wahl fällt in fast allen Fällen auf die Praxis von Dr. Hoser und dessen Kollegen.

Was der alpine Skirennsport einem Knie anrichten kann, erklärt der Experte wie folgt: "Das Kreuzband wird in den meisten Fällen derart heftig verletzt, dass es regelrecht ‚zerfetzt' wird. In den seltensten Fällen sehen wir einen glatten Riss des Bandes am Ansatz. Meist sind tatsächlich die Fasern völlig zersprengt."

Das Kreuzband sei daher nicht mehr zu gebrauchen. Hoser setzt daher eine sogenannte Plastik ein, die das zerstörte Band in einem operativen Eingriff ersetzt. "Dann sind Ober- und Unterschenkel wieder fest verbunden und es kann eine stabile Verbindung aufgebaut werden", sagt er.

Gegen die allgemein verbreitete These, es komme heute vermehrt zu schweren Verletzungen als vor ein paar Jahren, wehrt sich Hoser. "Die Hiobsbotschaften sind falsch. Dennoch ist jede schwere Verletzung eine zu viel, keine Frage. Wir müssen darauf achten, Kinder und Jugendliche besser zu schützen", fordert er.

"In der Vergangenheit sahen wir viel häufiger einen Bruch des Unterschenkels, weil die Skischuhe noch kürzer waren. Durch die technische Entwicklung entladen sich die Torsions- und Biegekräfte heute im Kniegelenk", sagt Hoser. Dieser Umstand beschäftige neben den Ärzten auch Trainer und Pistengestalter. "Es wird laufend am Training, am Material und an der Pistenpräparierung gefeilt, um die Verletzungshäufigkeit zu minimieren."

Knie-Experte Hoser: "Zu wenig weitergebracht, um zufrieden zu sein"

Spielraum für Verbesserungen im Training sieht er keine. "Das ist eine verfehlte Hoffnung." Im Weltcup seien ausschließlich durchtrainierte Top-Athleten tätig, das körperliche Niveau ohnehin schon nahe an der Perfektion. Vielmehr spiele die Regeneration eine größere Rolle, wie er anhand eines Beispiels erklärt.

Nach einer gewissen Anzahl an gefahrenen Trainingstoren sollen Tage an Training abseits der Skipiste verordnet werden. "Durch das Training werden Strukturen des Kniegelenks ermüdet", sagt Hoser, der intensiv an der Optimierung der Regeneration forscht.

Auch Ausrüster hätten sich viele Gedanken über eine Verbesserung des Materials gemacht: Vom Zeitpunkt des Auslösens der Bindung über Skilänge und -radien bis hin zur Höhe der Sohle über dem Schnee. "Man schaffte es eine Zeitlang, das Knie zu entlasten. Dann machte die Wirbelsäule aber große Probleme. Ist es besser, wenn die Bandscheibe herausfällt, anstatt einer Verletzung am Knie? Ich weiß es nicht."

Und weiter: "Leute sind desperat geworden, weil sie zu wenig weitergebracht haben, um wirklich zufrieden zu sein. Es kommen aber junge Leute nach, die neue Ideen einbringen. Wir hoffen, dass es in die richtige Richtung geht."

Kreuzbandrisse im ÖSV-Team in den letzten Monaten

LäuferInZeitpunkt
Bernadette Schild10/2019
Sabrina Maier10/2019
Stephanie Brunner08/2019
Cornelia Hütter03/2019
Marco Schwarz02/2019
Anna Veith01/2019
Stephanie Brunner01/2019
Daniel Hemetsberger12/2018
Katharina Gallhuber12/2018
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