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Fussball

Arsène Wenger erinnert sich bei SPOX an Freund Ivica Osim: "Stratege, Dozent, Philosoph"

© getty

Ivica Osims Tod ( † 1. Mai 2022) im Alter von 80 Jahren sorgte für große Betroffenheit in Fußball-Europa. Mit Arsène Wenger gedenkt nun ein ehemaliger Mitspieler, Freund und Wegbegleiter dem "Strauß von Zeljo“: "Menschen wie du einer warst, gibt es leider viel zu wenige."

Es war Ende der 70er-Jahre, als sich Ivica Osim und Arsène Wenger bei Racing Straßburg kennenlernten. Osim, wegen seines eleganten Spiels "Strauß" genannt, dirigierte im offensiven Mittelfeld, Wenger bearbeitete die Außenbahn.

"Wir sind gute Freunde“, erinnerte sich Osim in einem seiner letzten Interviews mit SPOX an den heutigen FIFA-Direktor Wenger (72). "Er hat rechts im Mittelfeld gespielt, war ein technisch guter Wasserträger. Große Schritte wie eine Giraffe, ein korrekter Spieler. Arsène spricht nur von Fußball. Immer und überall, nur Fußball, Fußball."

Damals fuhren Osim und Wenger regelmäßig über die deutsche Grenze nach Karlsruhe, um Bundesliga zu schauen: "So waren wir am neuesten Stand und haben erkannt, wie wichtig Standardsituationen und Laufstärke sind." Eine Trainerkarriere war für die beiden Compagnons schon damals unausweichlich.

Die beiden Fußball-Denker entwickelten schließlich ähnliche Spielphilosophien. Attraktiv für den Zuschauer, torreich und offensiv: "Arsène hat von seinen Spielern immer verlangt, direkt zu spielen. Ich habe das ähnlich gesehen und direktes Spiel forciert. Nach den Trainings bei Sturm haben mich Zuschauer gefragt, was wir da versuchen. Wir haben Fortschritte gemacht. Später haben sie es verstanden.“

Während Wenger mit Arsenal auf der großen Fußballbühne Erfolge feierte, fand Osim den Weg nach Graz und machte sich dort unsterblich. Gemeinsamkeiten blieben trotzdem: Beide trainierten Klubs in Japan, beide lehnten im Laufe der Jahre Angebote von Real Madrid ab und beide wurden an ihren Wirkungsstätten über ihre ballesterischen Erfolge hinaus geschätzt und gefeiert.

Am 1. Mai 2022 ging Osims Leben in Graz am Geburtstag des SK Sturms zu Ende. Tage danach kam Arsène Wenger der Bitte von SPOX nach, Erinnerungen an seinen verstorbenen Freund zu teilen.

Arsène Wengers Nachruf auf Ivica Osim

Noch immer tief berührt, gedenke ich an Ivica Osim. Ich habe Abschied genommen von einem früheren Mitspieler, von einem treuen Weggefährten aber vor allem von einem guten Freund.

Während unserer gemeinsamen Zeit als Spieler bei Racing Straßburg, gegen Ende der 70er-Jahre, haben wir uns schätzen gelernt. Auch später pflegten wir weiterhin den Kontakt und selbst unsere Familien lernten sich kennen.

Ivica war ein Erfolgsmensch, der im Erfolg nie abgehoben und stets bescheiden geblieben ist. Als Spieler war er fantastisch. Sein Übername „Strauß von Zeljo“, passte so gut zu ihm, weil er sich in seinem typischen Stil tänzelnd auf dem Platz bewegte und stets den Überblick behielt. Er war ein Dirigent und Kämpfer zugleich. Er war ein Topspieler, ein Ausnahmekönner, der das Rampenlicht nicht wirklich mochte. Ivica Osim war Fußballer durch und durch und hatte ein enormes Fußballwissen.

Und dieses Fußballwissen setzte er später als Trainer eindrücklich um. Er war ein wahrer Stratege, der alles aus seinen Spielern holte, egal wie sie hießen. Er war ein einzigartiger Fußball-Dozent. Während seiner Trainerzeit in Österreich bezeichnete man ihn als Fußball-Weisen, als Philosophen. Und diese Bezeichnungen könnten nicht treffender sein. Unvergessen sind Osims Analysen und Aussagen wie „Fußball ist praktisch das einzige Spiel, wo die bessere Mannschaft verlieren kann“ oder „Fußball ist sehr leicht, und alles, was leicht ist, ist auch schwer“. Er hat zweifelsohne den Fußball um die Jahrtausendwende mit Bescheidenheit und Intellekt geprägt.

Ja, das war Ivica Osim! Aber er war vor allem ein Mann mit gesunden Prinzipien und mit hervorragenden, menschlichen Qualitäten...mit einem großartigen Charisma. Ein Mann, der eigentlich in seinem erfolgreichsten Moment, die – wie er selbst sagte – schlimmste Phase seines Lebens durchquerte. Der Balkankrieg hinterließ tiefe Spuren bei ihm. Plötzlich wurde alles zur Nebensache. Seine Gedanken waren immer bei seinem bosnischen Volk, seinen Freunden, seiner Familie, bei all jenen, die im Krieg ums Leben kamen oder leiden mussten. Der Balkankrieg hat Ivica Osim verändert, ja, er hat ihn geprägt. Und als unser damaliger Mitspieler in Straßburg Heinz Schilcher später bei Sturm Graz Manager wurde, holte er Ivica Osim als Trainer. Das war seine wohl beste Entscheidung. Es waren die erfolgreichsten Jahre für Graz, dank Ivica Osim. Aber er stellte immer das Team im Vordergrund, denn er war ein wahrer Meister des Understatements. Ivica Osim und Graz, das wurde eine echte Liebe und die hielt bis zu seinem letzten Atemzug.

Dass Ivica genau am 1. Mai, dem Gründungsdatum von Sturm Graz, verstorben ist, wird wohl ein weiteres, spezielles Kapitel der Clubgeschichte sein. Ivica schenkte den Grazern unzählige Liebeserklärungen, darunter: "Sturm deckt alles, was schwarz ist in meinem Leben, alles was weiß ist auch."

Ruhe in Frieden, Ivica Osim. Fußballer aber vor allem Menschen wie du einer warst, gibt es leider viel zu wenige. Ich werde dich immer in bester Erinnerung halten und immer wieder mit einem wehmütigen Lächeln an unsere gemeinsamen Zeiten und Begegnungen zurückdenken.

In Freundschaft,

Arsène Wenger

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